Als ich vor 20 Jahren in das Berliner Mehrgenerationenhaus Helene Weber einzog, hatte ich noch die ganz normale bundesdeutsche Anspruchshaltung: Das Leben hatte so zu sein, wie ich es haben wollte, und wenn es nicht so war, habe ich gelitten und andere für mein Leiden verantwortlich gemacht.

Das Haus befindet sich tief im Westen von Berlin, zwischen Funkturm und Lietzensee-Park. Gegründet wurde es für alleinstehende Frauen vom Katholischen Deutschen Frauenbund. Im Grunde ist es ein ganz normales Mietshaus, in dem Frauen aus ganz unterschiedlichen Kulturen zusammen leben. Von der Studentin bis zur Seniorin.

Das geistig-seelische Zentrum unseres Hauses ist die Hauskapelle. Wer sich dieser Gemeinschaft stiftenden Mitte verbunden fühlt, bleibt hier nicht fremd. Darüber hinaus gibt es bei uns Vorträge, Arbeitsgruppen, Festlichkeiten, Nachbarschaftspflege, Hauskonzerte, Mittagessen, Gemeinschaftsräume und einen Kindergarten. Eine Psychologin gründete auf eigene Kosten einen sozialen Dienst. Ihr Team arbeitet mit einer ambulanten Pflegestation zusammen. 

Hier im Haus habe ich nach jahrelanger Abwehr auch gelernt, dass der Tod zum Leben gehört. Als meine Nachbarin, die seit 50 Jahren hier wohnte, im Sterben lag, raffte ich mich nur aus Höflichkeit zu einem Besuch auf. Die selbstverständliche Hingabe, mit der eine andere Hausbewohnerin, Roswitha, neben ihr auf dem Bett saß, ihr zu trinken gab und ihr immer wieder den Mund abwischte, befremdete mich, stieß mich sogar ab. Aber für Roswitha war das ganz normal. Sie hatte im Sterbehaus der Schwestern von Mutter Theresa in Indien gearbeitet.

Das Sterben gegenüber war mir unheimlich

Aber mein Ding war es nicht. Ich war froh, als ich wieder in meine Wohnung gehen konnte. Das Sterben schräg gegenüber war mir unheimlich. Und als es dann vorbei war und mir jemand im Vorübergehen zurief: "Lucia, warst du schon bei deiner Nachbarin? Sie sieht richtig gut aus!" da wurde es mir endgültig zu viel. "Muss ich da wirklich hingehen?", dachte ich. Sie war doch sowieso schon über 90 gewesen. Was hatte ich  damit zu tun? Ich fühlte mich genötigt und das machte mich wütend. Doch dann ging ich hin.

Die Wohnung hatte auf einmal was Sakrales. Am Bett brannten Kerzen. Gregorianische Mönchsgesänge von einer Kassette erfüllten den abgedunkelten Raum. Ich setzte mich schweigend zu einer Gruppe von Frauen, die bei der Toten saßen. Ich war ja nicht allein. Die feierliche und doch gelöste Stimmung tat mir gut. Sie löste auch in mir etwas, ich spürte es körperlich. Besucher kamen und gingen. Hin und wieder wurde über die Tote gesprochen, ganz sachlich. Ich fühlte mich in Gemeinschaft. Mindestens eine Stunde lang saß ich dort und schwieg. Meine Angst und Abwehr wandelten sich in ein Gefühl von Ehrfurcht. Aber die Erregung, die in mir frei geworden war, begleitete mich wochenlang.

Als einige Jahre später Christel aus Tirol starb, haben wir im engeren Freundeskreis um sie herum gesessen und gesungen. Ihr Bruder hatte aus Wien die alten Liederbücher der Familie mitgebracht. Christel hatte Krebs und lag an Schläuchen, musste aber dank der palliativmedizinischen Versorgung keine Schmerzen erleiden. Obwohl sie nicht mehr essen und nicht mehr normal trinken konnte, sang sie noch die zweite Stimme zu den Volksliedern aus ihrer Heimat.

Als es drei Jahre später mit Roswitha zu Ende ging, war die Tür zu ihrer Wohnung stets offen. Nicht nur die Ärztin und die Pflegeschwester konnten jederzeit hereinkommen, auch wir Hausbewohnerinnen waren erwünscht. Wir saßen an ihrem Bett und beteten immer wieder gemeinsam den Rosenkranz. Als unsere Freundin Marli auf der Suche nach einem Geistlichen mitten in der Nacht einen ehemalige Kollegen Roswithas in Rom anrief, sagte der: "Wir beten hier alle mit." Gegen zwei Uhr nachts kam der Krankenhaus-Seelsorger. "Das ist ja kaum zu glauben! Wo gibt es denn das noch, dass ein Mensch so selbstverständlich im Kreis seiner Lieben sterben darf?", rief er.

Für uns war das ganz selbstverständlich. Wir teilen unser Leben miteinander – und dazu gehört eben auch der Tod. Allzu oft kommt er ja nicht ins Haus. Normalerweise wird im Haus Helene Weber gelebt. Man feiert zusammen, geht seinem Beruf und sonstigen Tätigkeiten nach oder igelt sich in seiner Wohnung ein, um das Alleinsein zu genießen.

Die Verabschiedungen im Haus Helene Weber finden meist offen im großen Eingangsflur statt. Dann kommen alle Bewohnerinnen, die die Verstorbene gekannt haben, aus ihren Wohnungen, um teilzunehmen. Der Geistliche segnet den geschlossenen Sarg, wir beten gemeinsam und singen ein oder zwei Lieder. Dann folgen wir den Trägern nach draußen und winken dem abfahrenden Auto nach. Auch Bewohnerinnen, die nicht christlich sind, finden das schön.

Dieser Beitrag ist eine Reaktion auf unseren Leseraufruf zum Thema Sterben. Wir freuen uns weiterhin auf Ihre Einsendungen. Bitte per E-Mail an leseraufruf@zeit.de, Betreff "Sterben".