Meine Eltern wünschen sich ein Exemplar der nächsten Charlie Hebdo. Die erste Ausgabe nach dem Attentat. Morgen soll sie in Millionenauflage an die Kioske kommen. Ich bin prädestiniert dafür, ein Heft zu besorgen, weil ich seit einigen Jahren in der Nähe von Toulon lebe und dort als Anästhesist arbeite.

In meinem Krankenhaus gibt es einen Kiosk. Von Charlie Hebdo würde sie am Mittwoch zwei Exemplare bekommen, sagt die Verkäuferin. Eine Reservierung wäre nicht möglich. Was sollten denn die denken, die kein Exemplar bekämen? Ich glaube, sie sagt die Unwahrheit. Zum einen aus Unkenntnis, weil sie wahrscheinlich gar nicht weiß, wie viele Exemplare sie von dieser Ausgabe geliefert bekommen wird. Zum anderen hat sie natürlich ein persönliches Umfeld, das ihr näher steht als ich. Und eines der Exemplare hat sie vermutlich schon Monsieur le Directeur versprochen. Der könnte sie ja schließlich angesichts der wirtschaftlich prekären Situation des Krankenhauses auf die Straße setzen. Rein theoretisch, versteht sich. Aber man weiß ja nie. Schließlich ist Monsieur le Directeur der Chef. Und wir sind in Frankreich. Da kann man nie wissen, wie weit her es mit der Égalité ist.

Außerdem arbeite ich am Mittwoch nicht. Und so wichtig ist dieses Heft dann auch wieder nicht. Von der Mauer in Berlin habe ich mir damals ja auch nichts geholt. Auch kein Gläschen Staub vom 11. September. Zehn, 20 Jahre später wäre der Brocken alter Beton ohnehin nur noch ein Brocken alter Beton und das Gläschen Staub ein Gläschen Staub. Irgendwer wird schon so eine Charlie Hebdo organisieren. Und in einer Woche spätestens liegt das Heft einfach so irgendwo herum.

Bei Intermarché gibt es natürlich auch einen Kiosk. Hier habe ich mehr Glück, die Verkäuferin setzt mich auf eine Liste. Ich stehe an sechster Stelle. Da hätte ich ja beste Chancen, ein Exemplar zu bekommen, sage ich. Doch die Verkäuferin wiegelt ab. "Sie können es gern versuchen am Mittwoch um halb neun, aber das hier ist schon die zweite Seite der Liste." Ich muss also weitersuchen.

Reservierungsliste? Nö.

Ehrlich gesagt kannte ich Charlie Hebdo bis letzte Woche gar nicht. Mit französischer Satire kann ich vermutlich ohnehin nicht viel anfangen, schon der hiesige Alltagshumor ist mir eher fremd. Wären meine Eltern nicht, ich würde sicher nicht hinter diesem Heft herjagen.

Im Stadtzentrum gibt es noch einen Zeitschriftenhandel. Die Verkäuferin ist kurz angebunden. Mein deutscher Akzent, der sonst als charmant bezeichnet wird, wirkt hier nicht. Auch die Geschichte von meinen frankophilen Eltern, die so gerne ein Exemplar der nächsten Charlie hätten, interessiert sie nicht. Reservierungsliste? Nö. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Wer wirklich wissen will, was drin steht in den acht Seiten, der findet vermutlich ab spätestens zehn Uhr am Mittwochmorgen das ganze Heft als PDF im Internet, geht mir durch den Kopf. Im schlimmsten Fall bei eBay. Oder, andere Möglichkeit, wenn man in der Nähe eines Flughafens lebt, könnte man gleich morgens früh die Zeitschriftenläden dort abklappern. Charlie kommt vermutlich früh morgens mit der ersten Maschine aus Paris. Oder schon am Dienstagabend. Aber bis zum Flughafen in Marseille werde ich ganz sicher nicht fahren. Mir persönlich würde ein PDF-Scan des Heftes ja vollkommen ausreichen.

In einer Parallelstraße zur Rue Frédéric Mistral ist ein kleines Einkaufszentrum mit einem weiteren Kiosk. Das Angebot ist etwas weniger reichhaltig, dafür ist der Inhaber sehr freundlich. Er hat auch eine Liste. Ich könne Platz acht haben – aber wieder nur auf Seite zwei. Insgesamt bedeutet das etwa Platz 80. "Dann hat es wohl keinen Sinn, am Mittwoch zu kommen", sage ich. "Nein, überhaupt nicht", bestätigt der Kioskbesitzer. Er bekomme ohnehin nur dreißig Exemplare.

Aber ich solle es doch bei Intermarché versuchen, gleich früh am Mittwochmorgen. Dort würden sie nämlich keine Liste führen. "Doch, doch, die haben auch so eine Liste wie Sie", gebe ich zurück. Der Kioskbesitzer runzelt die Stirn. "Dis donc, ça alors, dann haben die ja gelogen!" Gelogen? Für südfranzösische Verhältnisse ist sowas doch noch nicht gelogen. Und überhaupt, für mich spielt es ohnehin keine Rolle, ob der Intermarché-Kiosk nun eine Liste hat oder nicht, so weit unten wie ich auf dieser blöden Liste stehe. Aber das behalte ich für mich.   

Liebe Eltern, ich werde am Mittwochmorgen um Punkt halb neun bei Intermarché vor der Tür stehen. Ich habe allerdings kaum Hoffnung, eines der Charlie-Exemplare zu ergattern. Aber ich werde es versuchen. Versprochen.