Im Oktober habe ich mit dem Medizinstudium angefangen. Besonders gespannt war ich auf den Präpkurs – den berüchtigten Anatomie-Kurs, in dem ich an einer echten Leiche präparieren und zum ersten Mal sehen würde, wie ein Körper von innen aussieht.

Wie genau der Prozess der Körperspende abläuft, habe ich erst zu Beginn des Studiums erfahren. Die Körperspender registrieren sich direkt beim anatomischen Institut. Versterben sie, wird das Institut informiert. Es trägt im Anschluss einen großen Teil der Bestattungskosten. Seit die Krankenkassen kein Sterbegeld mehr zahlen, muss aber auch jeder Körperspender etwas zu diesen Kosten beitragen, ungefähr 1.200 Euro. Die Körperspender sind seither allerdings nicht weniger geworden. Den eigenen Körper spenden, um der Familie hohe Bestattungskosten zu ersparen – das scheint nur ein schauriger Mythos zu sein.

Es muss seltsam sein, sich vorzustellen, dass später einmal Medizinstudenten am eigenen Leichnam herumschneiden werden. Umso beeindruckender finde ich, dass Menschen wie meine Körperspenderin uns ihre Körper vermachen. Mit meinem Organspendeausweis komme ich mir daneben ganz klein vor. Manchmal lasse ich meine Hand eine Weile auf ihrem Kopf liegen. Die kurzgeschorenen Haare erinnern mich an die Stoppeln, die meine Mutter nach ihrer Chemotherapie hatte. Ich wünschte, ich könnte die Spenderin beim Namen nennen. Aus Datenschutzgründen durfte ich ihren Namen aber nie erfahren.

Leider werde ich auch nie erfahren, warum die Frau uns ihren Körper gespendet hat, werde nie wissen, ob sie vielleicht Ärztin war. Ich weiß nur, dass ich sie nie vergessen werde. Kein Buch der Welt wird mir je beibringen können, was ich von ihr gelernt habe. Komplizierte Namen von Körperteilen auswendig zu lernen ersetzt nicht die Eindrücke, die ich mit meinen Händen, mit meiner Nase und meinen Augen sammle. Und vor allem einen Eindruck nicht: Dass Menschen individuell sind und lange nicht so perfekt aussehen wie eine Abbildung in einem Lehrbuch.

Ich würde mich gerne bei meiner Körperspenderin bedanken. Dafür, dass sie mich und meine Kommilitonen in unserer Ausbildung unterstützt – obwohl sie uns nie getroffen hat. Vielleicht hat sie in der Hoffnung entschieden, dass wir durch sie später bessere Ärzte werden. Ich verspreche, mein Bestes zu
tun.

Nach dem Präpkurs werden meine Kommilitonen und ich eine Bestattungsfeier für die Körperspender organisieren. Zu der Feier kommen auch die Angehörigen. Ich will mich bei ihnen bedanken. Ich kann mir vorstellen, wie schwer es einigen fallen muss, die Entscheidung der Verstorbenen zu akzeptieren, ihre Körper zu spenden. Ich denke allerdings, ihre Bedenken sind ganz unbegründet. Denn genau da, wo der Körper im grellen Licht leblos liegt, finde ich etwas unheimlich Lebendiges: Ehrfurcht, Respekt, Dankbarkeit und Liebe. Für einen Menschen. Und nicht nur für einen Körper.

Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie Körperbilder. Wir freuen uns weiterhin auf Ihre Einsendungen – bitte per E-Mail an leseraufruf@zeit.de, Betreff "Körperbilder".