Einmal im Jahr reitet General Cluster seine Attacken in meinem Schädel. Ich habe meine Schmerzen nach George Armstrong Custer benannt, dem berühmten General des amerikanischen Sezessionskriegs, und nach meiner Plage, dem Cluster-Kopfschmerz.

Einmal im Jahr bedeutet, dass die Schmerzen jedes Jahr gegen Ende des Herbstes auftreten und mich dann drei, vier, fünf Wochen lang jeden Abend quälen. Das Schema ist immer das gleiche: Eine gute Stunde, nachdem ich eingeschlafen bin, wache ich von den Schmerzen in meinem Kopf auf. Zu den extremen, stechenden Schmerzen, deren Intensität ich mit nichts vergleichen kann, gesellt sich ein Brechreiz, dem ich nur selten Widerstand leisten kann. Ich erbreche immer wieder, auch wenn ich nichts mehr im Magen habe. Ich würge dann Schleim heraus. Der Kopfschmerz terrorisiert derweil mein Hirn in der linken Schläfenregion, die Augen sind extrem lichtempfindlich und tränen, die Nase läuft. Manchmal platzt ein Äderchen im linken Auge, dann sehe ich am nächsten Tag aus wie ein Kunstflieger.

Wenn der Brechreiz vorüber ist und ich die Toilette verlassen kann, setze ich mich auf die Terrasse und warte mit geschlossenen Augen darauf, dass der General seine Attacke beendet. Es kann nach 15 Minuten vorbei sein, es kann aber auch 45 Minuten dauern. Wenn ich Glück habe, bleibt es bei einer Attacke, habe ich Pech, folgen noch drei oder vier weitere, etwa im Abstand einer Stunde.

Cluster-Kopfschmerzen heißen so, weil der Schmerz gebündelt auftritt (cluster, engl. Bündel). Die Ursachen sind weitgehend unbekannt. Ungefähr 0,2% der Bevölkerung sind davon betroffen, Männer etwas häufiger als Frauen. Es wird ein Zusammenhang mit der inneren Uhr vermutet, weil viele Patienten die Schmerzen beim Wechsel der hellen zur dunklen Jahreszeit oder umgekehrt erleiden. Stress scheint ein weiterer Faktor zu sein.

Ich habe schon mehrere Therapieformen ausprobiert. Das Einatmen von reinem Sauerstoff hat mir nicht geholfen, obwohl mir die klare Nachtluft gut tut. Verapamil, das gefäßerweiternd und blutdrucksenkend wirkt, kann den Schmerz unterdrücken, aber die Nebenwirkungen haben mich sehr belastet. Ich musste das Medikament so hoch dosieren, dass mein Blutdruck quasi nicht mehr vorhanden war. Schmerzmittel sind wirkungslos und mit dem Kiffen mag ich nicht anfangen. Was also tun?

Ich versuche, in der brisanten Zeit Stress ganz zu vermeiden. Ebenso meide ich helle Lichtquellen, was für mich als Schlosser und Schweißer nicht leicht ist, und gehe früh zu Bett. So kann ich die Intensität und Häufigkeit der Attacken mindern – ganz vermeiden kann ich sie nicht. Abgesehen von den Schmerzen fehlen mir jede Nacht mindestens zwei Stunden Schlaf, was schwer zu kompensieren ist.

Mittlerweile habe ich mich mit dem General arrangiert. Ich kann ihn nicht daran hindern, seine Attacken auf meinen Schädel zu reiten. Ich halte ihn aus, sitze nachts weinend auf der Terrasse und hoffe, dass es für dieses Jahr zu Ende ist. Jedes Mal. Vielleicht geht der General irgendwann so, wie er gekommen ist. Von heute auf morgen.

Dieser Beitrag ist eine Reaktion auf unseren Leseraufruf zum Umgang mit Schmerzen. Wir freuen uns weiterhin auf Ihre Einsendungen. Schreiben Sie uns dazu eine E-Mail an leserartikel@zeit.de, Betreff "Schmerzen".