Anfang 2016 soll nach Aussagen des Instituts für Zeitgeschichte eine wissenschaftlich kommentierte Ausgabe von Adolf Hitlers Mein Kampf erscheinen. Nachdem der Freistaat Bayern als Inhaber der Urheberrechte zunächst Unterstützung zugesagt und diese dann wieder zurückgezogen hatte, entspann sich eine Debatte über Notwendigkeit und Nutzen der geplanten Publikation.

Die Leserkommentare zur entsprechenden Meldung sprechen sich fast einstimmig für eine Neuauflage aus. Das mag auch damit zu tun haben, dass es hier um eine wissenschaftlich einordnende und nicht um eine unkommentierte Ausgabe geht, wobei letztere mehr Potenzial für eine Kontroverse bietet. Aber die Homogenität des Meinungsbildes im Kommentarbereich ist doch bemerkenswert.

Viele Leser kommentieren, die Originalschrift von Mein Kampf könne man sich doch eh leicht im Internet beschaffen, das Werk sei keine Aufregung wert. Unentschieden sind die Kommentatoren lediglich über den Sinn der Kommentierung. doch40 meint dazu: "Das Buch [ist] im Internet vollständig als pdf-Datei abrufbar. Da ist gar nichts Verbotenes oder Geheimnisvolles. Diejenigen, die es aus Interesse lesen wollen, werden schnell feststellen, was für ein unglaubliches Geschwurbel Hitler da verzapft hat. [...] Dazu braucht man keinen Kommentar vom IfZ. Und diejenigen, die das Buch aus ideologischer Nähe lesen wollen, haben es bereits im Internet getan oder eine Ausgabe vom ‚Opi’." Auch Robertlonis begrüßt die geplante Ausgabe grundsätzlich, hat aber folgenden Einwand: "Was hingegen missfällt – und leider scheint es hier darauf hinauszulaufen – ist eine Buchversion, die von einer Gegendarstellung überlagert wird und die den Leser beim Textverständnis bevormundet. Wenn bei einem Nachdruck aus 780 Seiten plötzlich 2.000 Seiten werden, muss man sich schon fragen, ob der Originaltext nicht komplett zerpflückt wird und der Nachdruck somit nutzlos wird." Andere Leser dagegen befürworten eine Kommentierung. So findet Constructivecriticism: "Eine wissenschaftlich kommentierte Neuausgabe [könnte] dazu beitragen, die subjektiven Argumentationslinien der Schrift Stück für Stück durch objektive Erkenntnisse zu ersetzen, die Nazikultur zu entmystifizieren, und allgemein dazu dienen, beispielhaft ideologisch verblendete Verstrickungen durch wissenschaftlich objektive Einsichten zu ersetzen."

Der Aspekt der Entmystifizierung ist ein ebenfalls mehrfach genanntes Argument für die Veröffentlichung. Dr. Ole De These schreibt dazu: "Eine solche Veröffentlichung ist seit Jahrzehnten überfällig. Sie wird zur Demystifizierung dieses Pamphlets und Hitlers beitragen. Gerade das Verbot gibt seit Jahrzehnten dem Buch wie seinem Autor eine Überhöhung und lieferte somit eine moralische Entschuldung der Deutschen, da sie ja nur auf einen Verführer ungeheuren Ausmaßes hereingefallen sind, eines Gedankengutes – so gefährlich, dass es heutzutage noch verboten gehört."

Mehrere Leser berichten von der Enttäuschung, die sie angesichts der Lektüre befiel, nachdem sie ihrer Neugier und dem Reiz des Verbotenen gefolgt waren. Manche verweisen (zum Teil ironisch) darauf, das Buch sei so schlecht, dass man sich frage, warum es überhaupt verboten sei. weltZEIT meint dazu: "Dagegen lesen sich die Ergüsse von Sarrazin wie feinste Weltliteratur. Ich glaube auch nicht, dass Hitlers Gefolgschaft den Kram ernsthaft gelesen hat, die wären doch schreiend weggelaufen. Zensur mag Sinn machen, in manchen Fällen, aber den Crap könnte man sicher problemlos freigeben."

Am häufigsten wird aber auf die Notwendigkeit einer eigenverantwortlichen Meinungsbildung verwiesen. "Bücher, gleich welchen Inhalts, zu verbieten ist das Gegenteil von Freiheit und Demokratie. Mündigen Bürgern diktieren zu wollen, was sie nicht lesen dürfen (!) ist eines freiheitlichen Staatswesens unwürdig", findet Karl H. Auch Karl Josef Schleidweiler ist dieser Meinung: "Die heutigen politischen Entscheider sollten Vertrauen in ihr Volk haben und es ihm überlassen, wie es sich damit auseinandersetzt, dass eine verbrecherische Clique ein Volk unter ihre Fuchtel bekam. Ich will mir selbst ein Urteil bilden, warum so wenige im Ansatz erkannten, was die Nazis vor hatten. In Mein Kampf ist es angekündigt, hat denn niemand das gelesen?"

Dazu passt der Kommentar von norbertZ:"Im Übrigen ist der Inhalt so ätzend, dass es sowieso kaum jemand bis zum Ende lesen wird. Mir ist dies vor vielen Jahren jedenfalls nur mit viel Mühe gelungen. Es ist wirklich nicht erstaunlich, dass sich damals kaum jemand vorstellen konnte, diesen Wahnsinn jemals in die Tat umgesetzt zu sehen."

Wie sinnvoll es sein kann, sich doch der Lektüre zu stellen, beschreibt die Erfahrung von EumelZeit: "Bei uns in der Schule (Abi 2009) haben wir Mein Kampf in Geschichte, in kurzen Auszügen, gelesen. Diese Stunden waren unfassbar spannend, weil man endlich auch mal über die eigentlichen Hintergründe gesprochen hat. Das WARUM. WIE kam dieser Hass Hitlers zustande? Und besser als jedes Geschichtsbuch hat Hitler dies selbst niedergeschrieben. Das Bild über die Ideologie wurde umfassend klarer – mehr Abschreckung ging nicht, auf solchen Gedankengängen kann sich kein rationaler Mensch beruhen. Pech für die NPD, die in der Woche darauf CDs vor der Schule verteilte... ganz schön gerannt sind die."

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