Die französische Zeitung "Le Petit Journal" berichtet 1894 über die weltweite Pockenimpfung (rechts), 1929 ist die Impfung an einer öffentlichen Schule Thema der Titelseite. © Leemage/​UIG Art Media/​Print Collector/​Getty Images

Pure Polarisierung

Die Impfdebatte zeichnet sich durch eine paradoxe Polarisierung aus. Pro- und Contra-Lager sind nicht nur entgegengesetzt, sondern sie reagieren aufeinander wie Magneten, die sich gleichzeitig anziehen und abstoßen. Ein politikwissenschaftlicher Ansatz nutzt zur Darstellung verschiedener Ideologien einen Hufeisenmagneten: Eine radikale Position ist ihrem Gegenpol oft näher als der Mitte zwischen diesen Polen. Wer radikal links ist, knüpft eher bei den radikal Rechten an als bei den Mitte-Linken. So ähnlich lässt sich auch die Polarität der Impfdebatte beschreiben. Neue Teilnehmer merken schnell, dass die Debatte an den Rändern verläuft und in der Mitte keine Aufmerksamkeit zu holen ist, also schlagen sie sich einem der beiden Pole zu. Im Folgenden beleuchten wir drei die Debatte beherrschende Argumentationspole.


1. Individuelle Verantwortung versus gesellschaftliche Verantwortung

Die Freiheit des einzelnen hört auf, wo die des anderen beginnt – doch wer bestimmt, wo das ist? Ein Dilemma und Hauptmotor der Impfdebatte. "Es bleibt jedem selbst überlassen, ob er mit oder ohne Impfung lebt", findet etwa Aberjetzt. Angesichts der Nebenwirkungen und Impfschäden "trage ich das Risiko lieber selber", sagt Moutzel. Den Nadelstich empfinden jagu, SimoneBrittain und Pünktchen als Körperverletzung, als staatlichen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit. arville formuliert es noch drastischer: die Staatsgläubigkeit habe zum Holocaust geführt, deshalb sei die Weigerung des Individuums umso wichtiger. Außerdem dürfe kein Gesetz den freien Willen brechen, fügt krimfruehling hinzu.

Impfgegner lassen lieber die Gruppe leiden, als auf ihre Selbstverwirklichung zu verzichten, kritisieren Impfbefürworter wie Petka: "Das Missverständnis der absoluten Freiheit in einer demokratischen Grundordnung muss zurückstehen, wenn es um den Gruppenschutz eben aller Mitglieder dieser Ordnung geht." Polemischer drückt es irgendeinnick aus: "Die Gesundheit des anderen ist wichtiger als die Dummheit des einzelnen." Nicht-Impfen sei unsozial, weil sich die Ungeimpften den Schutz der Impfer einverleiben, sagt SebFi über Menschen, die Melkor "Schmarotzer" nennt. Für Dynatos ist der Nadel-Boykott gar eine Straftat, "weil ein ungeimpfter Mitbürger weit Schlimmeres zu verursachen vermag als jeder Mörder könnte." Für Impfgegner ist Impfen eine Körperverletzung, für Impfbefürworter ist Nicht-Impfen eine Gemeingefährdung – strafbar macht man sich dieser Logik folgend so oder so.

 

2. Medizinischer Fortschritt versus Pharmalobby

Ein weiteres Pro-Contra-Argumentationspaar bringt diese Frage hervor: Wer profitiert vom Impfen? Helfe ich, gefährliche Krankheiten durch Herdenimmunität auszurotten oder unterstütze ich gierige Pharmakonzerne? Letzteres meint Restrisiko: "Nicht die Krankheit ist das Risiko, sondern der Impfwahn! Die wirkliche Gefahr liegt in der dreisten Beeinflussung von Bevölkerung und Politikern durch die Impfstoffhersteller, die ungeheure Summen verdienen." So ähnlich sehen es Sir Rambow, uman und BonBonn. Auch navy spricht von der "Pharma Mafia Lobby" und schimpft auf "bestechliche Minister", denen er "Abzocke" vorwirft.

Der Widerspruch der Impfbefürworter fällt absolut aus: Wenn die Pharmakonzerne richtig viel Geld verdienen wollten, müssten sie genau das Gegenteil machen, sich also für das Nicht-Impfen einsetzen, weil mit kranken Kindern langfristig mehr Geld zu verdienen sei als mit einem einmaligen Impfstoff, argumentieren Suryo und strixaluco.

Dass Nebenwirkungen und Impfschäden nicht zu hundert Prozent ausgeschlossen werden können, befeuert die Debatte. "Großversuche mit Menschen" nennt uman dieses Restrisiko. PGMN nimmt die Bedenken zur Kenntnis, formuliert daraus aber eine altruistische Medizin-Vision: "Selbst wenn eine Impfung gefährlich ist, wäre es nicht unsere Verantwortung, es späteren Generationen zu ermöglichen, ohne sie auszukommen [indem wir Krankheiten durch Massenimpfungen ausrotten, Anm. d. Red.]?"

 

3. Nutzen versus Schaden

Die Grundhaltung der Impfbefürworter lautet: Impfen nutzt. Die der Impfgegner: Impfen schadet. Klingt banal, sichert aber die Polarisierung. Bisweilen kommt es zu absurden Parallelen in der Argumentation, denn beide Seiten werfen sich gegenseitig vor, Schaden anzurichten. Für die einen liegt der Schaden in der Anwendung, für die anderen in der Nicht-Anwendung. Impfgegner bezeichnen Impfen als "Völkermord des dritten Jahrtausends", während Impfbefürworter die Nicht-Impfer für jeden Todesfall eines ungeimpften Menschen verantwortlich machen. Impfen tötet. Nicht-Impfen auch.