Warum Kinder? – Seite 1

In einem Aufruf zum Thema Elternschaft ("Das hatten wir uns anders vorgestellt") fragten wir unsere Leser: "Was sind die größten Schwierigkeiten, mit denen Sie in Ihrer Rolle als Mutter oder Vater konfrontiert sind? Haben Sie nach der Geburt eines Kindes eine persönliche Krise durchlebt? Bereuen Sie es vielleicht sogar, Kinder bekommen zu haben?" Besonders auf Facebook wurde der Aufruf heftig kritisiert: als Stimmungsmache gegen Kinder in einem Land, das eh schon nicht besonders kinderfreundlich sei. Im Kommentarbereich auf ZEIT ONLINE gab es aber auch andere Stimmen. Leser beklagten sich über eine Tabuisierung, die das Sprechen über die "dunklen" Seiten von Elternschaft unmöglich machten, oder plädierten einfach für einen realistischeren Blick auf das Elternsein. Per E-Mail erreichten uns zum Teil sehr offenherzige Erfahrungsberichte, in denen häufig Probleme in der Partnerschaft als Ursache für eine problematische Beziehung zu den Kindern genannt wurden. Wichtig ist auch, den allgemeinen Tenor der Rückmeldungen zu betonen: Nicht Kinder bekommen zu haben wird bereut, sondern die Umstände. Kein einziger Leser schrieb, "ich liebe mein Kind nicht", aber es gab doch einige, die angaben, trotz dieser Liebe die Elternrolle nicht so ausfüllen zu können wie sie es gern würden. Die folgende Auswahl an Leserstimmen spiegelt die genannte Vielfalt an Haltungen, Meinungen und Erfahrungen.

Mir ist bewusst, dass genau gegenteilige Kommentare erwartet werden, aber mir tun die Menschen leid, die die Geburt und das Betreuen der eigenen Kinder als Belastung oder gar Fehler interpretieren. Daraus resultiert dann auch die berechtigte Frage wie glücklich solche Kinder eigentlich aufwachsen werden, wenn sie den Eindruck haben müssen, dass ihr Vorhandensein eigentlich nicht gewollt, oder im Nachhinein betrachtet, ein Fehler sein könnte.
Oliver Lang auf Facebook

Ich finde es super, dass jetzt offener diskutiert wird und Eltern, nur weil sie Eltern sind, nicht mehr 24/7 glücklich zu sein haben. Das befreit. Und das schreibe ich, obwohl ich ganz ehrlich nicht bereue, Kinder zu haben, ganz im Gegenteil.
Anne Pritchard-Smith auf Facebook

Die Frage "Warum Kinder?" habe ich meinem damaligen Freund gestellt. Seine Antwort: Weil es zum Leben dazugehört. Also haben wir ein großes Haus mit Garten gekauft und geheiratet. Hochzeit 2006. Schwanger: Ende 2006. Ich war halt ganz die brave Frau. Die Verkündung der Schwangerschaft hat meinen Mann dann schon nicht mehr begeistert, was ich gar nicht verstehen konnte. Ich bin direkt wieder arbeiten, denn zu Hause bleiben hätten wir uns nicht leisten können. Also hat er (immer noch ohne Job und mit gescheiterter Selbständigkeit) sich um unsere bezaubernde Tochter gekümmert. Er wollte noch einen Sohn. Denn man braucht ja beides. Also kam dieser 18 Monate später auf die Welt. Auch hier konnte ich nicht zu Hause bleiben. Meine Kinder sind heute 6 und 7 und mein Mann hat seine zweite feste Freundin. Vor zwei Jahren sagte er mir, dass ich ihn nicht genug lieben würde. Die Scheidung läuft und ist bald durch. Er wohnt noch in dem Haus, das ich mit den Kindern behalten werde und hat mittlerweile einen Job und wenig Zeit für seine Kinder. Er wird bald ausziehen und ich freue mich darüber, mit den Kindern, die ich für ihn bekommen habe, allein zu sein. Nicht ganz allein, seine Mutter bleibt bei mir wohnen und wir werden eine ungewöhnliche Oma-Mama-Kind-Kind-Gemeinschaft bilden. Ich, die ich keine Kinder wollte, bleibe ihnen treu, würde sie nicht hergeben und mit allem, was ich habe, für sie kämpfen. Auch wenn ich, wenn ich noch mal entscheiden dürfte, keine Kinder bekommen würde.
Anonym, per E-Mail

Kein Kind hat darum gebeten, auf der Welt zu sein

Im Gespräch mit meinen Eltern haben diese mir auch gesagt, dass es Phasen gab (auch längere), in denen sie ihre Entscheidung für Kinder bereuten. Umso dankbarer bin ich, dass sie mich immer unterstützt haben, und versuche ihnen jetzt auch etwas zurückzugeben. Da ich daran denke, irgendwann eine eigene Familie zu gründen, bin ich dankbar für solche Aussagen – nicht weil sie dazu führen, dass ich mich umentscheide, sondern weil ich glaube, so einen ehrlicheren Eindruck zu erhalten.
Kommentar von EatingMuffinsInAnAgitatedManner

Diesen Frauen und Männer, die in gewissem Sinne versuchen, ihre Kinder medial rückwirkend abzutreiben, wünsche ich, dass diese ihre Kinder, wenn sie einmal ein entsprechendes Alter erreicht haben, mit Schmackes den Spieß umdrehen und "zurück-regretten" – ebenfalls schön breit medial über Netzwerke und Twitter! Wie viele Kinder haben ihre Kindheit und Jugend für alkoholabhängige oder psychisch kranke oder sonst wie psychisch dysfunktionale Mütter und Väter geopfert (von emotional, physisch oder sonst wie misshandelten oder vernachlässigten Kindern ganz zu schweigen)!
Kommentar von Spruce Goose 

Manchmal ist es toll ein Kind zu haben und ja, manchmal ist es auch nicht so toll... Aber es ist doch ziemlich anmaßend, ein Kind für das eigene Glück verantwortlich zu machen, schließlich hat das Kind ja nicht darum gebeten, auf dieser Welt zu sein.
Aglaia Bartelmess auf Facebook

Selbstverständlich hatte ich mir das anders vorgestellt! Ich hatte mir vor allem Eltern-sein vorgestellt und nicht Alleinerziehen. (...) Auf gar keinen Fall kann ich aufgrund meiner Elternschaft, in welcher ich immer Mutter UND Vater sein sollte/musste/war?, so leben 'wie gewünscht'! (...) Aber auf gar keinen Fall möchte ich meine Kinder missen! Sie waren nämlich gleichsam auch Veränderer meiner selbst. Was haben sie mir doch für Lektionen erteilt und erteilen sie mir beinahe täglich noch immer. Die "echte" Karriere war verbaut. Wohin mein Lebensweg aber aufgrund der Kinder ging, darauf wäre ich nie gekommen! Vor allem, dass ich das können und wollen könnte, was ich heute tue. Glücklich war ich nicht immer. Bereuen tue ich nichts!
Kommentar von emris

Männer bereuen nie, Vater geworden zu sein, denn wenn sie die Familie verlassen, ist das nicht soooo schlimm. Verlässt die Frau die Familie, muss sie aufpassen, nicht gelyncht zu werden. Männer werden nicht auf das Vatersein reduziert, Frauen auf das Muttersein schon. Männern gesteht man zu, dass sie noch in anderem ihre Erfüllung finden, außer im Vatersein. Frauen wird quasi aufgedrängt, dass sie das Muttersein zu erfüllen habe.
Cornelia Sibilitz auf Facebook

Ich liebe meine Tochter und sie ist und bleibt sinnstiftend und das Beste, was ich in meinem Leben bis jetzt zustande gebracht habe. Wenn ich etwas bereue, dann ist es die mangelnde Unterstützung für Alleinerziehende beziehungsweise für Kinder in Deutschland. (...) Selbst als ich den Status Hartz 4 hatte und trotz Ausbildung auf dem Amt wie eine Asoziale behandelt wurde, als ich während dieser drei Jahre von meinem Arbeitgeber ein Witzgehalt bekam, damit eine Teilzeit-Ausbildung für ihn überhaupt infrage kam, habe ich es nicht bereut, Mutter zu sein. Ich habe bereut, am Rand der Gesellschaft zu stehen, aber nicht meine persönliche Entwicklung. Auch dass ich bis jetzt alleine geblieben bin, weil kein Partner aufgetaucht ist und es zugegebenermaßen auch etwas an Möglichkeiten mangelt, bereue ich nicht. Das bedaure ich. Es sind die Strukturen, die in Schieflage sind, nicht die Kinder, nicht die Mütter. Es sind die alten Rollenbilder unserer Gesellschaft, die die Männer nach wie vor schützen, nach denen sie besser bezahlt werden und unabhängiger sind.
Anonym, per E-Mail

Wer traut sich denn schon (verständlicherweise) offen zuzugeben, dass er/sie, noch einmal vor die Wahl gestellt, sich gegen Kinder entscheiden würde? Nicht weil er/sie die eigenen Kinder nicht liebt, sondern weil das eigene Leben mehr darunter leidet, als dass die Kinder einem Freude und Zufriedenheit bereiten. Gerade weil es so eine unpopuläre Meinung ist, ist es umso wichtiger, dass sie mal nach außen getragen wird.
Kommentar von sdadfvwsdthycbvsdv

Ein Kind ist nicht dazu da, um seine Eltern glücklich zu machen. Umgekehrt wird schon eher ein Schuh daraus, aber auch nur bedingt. Eltern haben vor allen Dingen einen Sorge- und Erziehungsauftrag, durch den ihnen ein ganzer Katalog an Verpflichtungen auferlegt wird. Kinder zu haben bedeutet von daher stets eine erhebliche Einschränkung der persönlichen Freiheit, vor allem in den ersten Lebensjahren, und umso mehr dann, wenn die Erziehungslast allein oder überwiegend nur bei einem Elternteil liegt. Ob die Eltern in dieser Situation glücklich sind oder nicht, ist im Wesentlichen eine Sache der persönlichen Einstellung und der konkreten Lebensumstände.
Michael Reinschmidt auf Facebook

Wir sind keine Monster

Solange man in unserer Gesellschaft stets das Gefühl vermittelt bekommt, dass das "Kinder haben" eher ein individueller (Un-)Glücksfall ist, ohne Hilfe oder eine Möglichkeit, aus dieser "Selbst Schuld"-Falle entkommen zu können, wenn es sehr schwierig für den Einzelnen wird, muss man sich nicht wundern, wenn sich immer wieder Reue einstellt oder sich v. a. junge Frauen gegen ein solch reglementiertes und oft chancenloses "Vegetieren" am Rande der Gesellschaft entscheiden.
Jenny Sprenger auf Facebook

Das hat im Übrigen nichts damit zu tun, dass betroffene Eltern ihre eigenen Zöglinge hassen würden. Viele bereuende Eltern machen sich selbst Vorwürfe dafür, dass sie ihre Elternschaft ablehnen, die Kinder aber doch lieben. Klingt paradox – so ist der Mensch.
Kommentar von Ricochet

Ich kann mich noch gut an die erste Zeit nach der Geburt erinnern, die ich eben nicht als großes Glück, sondern als große Anstrengung erlebt habe. Vielleicht beschreibt "Wochenbettdepression" den Zustand medizinisch korrekt, erfahren habe ich jedenfalls Zweifel, Sorgen, Tränen, Druck, Stress und Kaputtsein. Es gab schon überwältigende Momente, etwa die ersten Minuten als Familie allein im Kreissaal, aber rasch auch viel Unsicherheit. Und zu Hause dann die Fragen: Vielleicht hätten wir doch noch etwas warten sollen? Ist das Leben jetzt vorüber? Wir sind doch erst Mitte zwanzig! Was sollen wir jetzt mit diesem hilflosen, schreienden Bündel? Irgendwie habe ich es schon lieb und fühle mich verantwortlich, aber innige, tiefe Zuneigung und Zärtlichkeit gegenüber dem kleinen Wesen? Eher Fehlanzeige. Die mussten erst wachsen. Es dauerte, sich aneinander zu gewöhnen, sich kennen- und lieben zu lernen. Ich musste auch lernen zu akzeptieren, wie wenig rational, dafür aber stark von Hormonen und sozialem Erwartungsdruck mein ganzes Handeln in dieser Zeit gelenkt war. (...) Auf Hürden wie Wochenbettdepression und starke Stillschmerzen war ich jedenfalls nicht gefasst. Ein offener Diskurs darüber, was mit der Elternschaft auf einen zukommen kann, wäre sicher eine Entlastung für alle, die kämpfen und Schwierigkeiten haben in dieser romantisch-kitschigen Werbungsversion von Familie, die so verbreitet ist.
Anonym, per E-Mail

Eltern sein ist nicht nur mit Friede, Freunde, Eierkuchen verbunden – ich glaube das ist allen bewusst. Kinder werden krank, geraten auf die schiefe Bahn, haben soziale und schulische Probleme und die Eltern leiden meist immer mit. Somit haben die Eltern nicht nur ihre eigenen Sorgen (Berufsleben, Beziehung, Geld), sondern sie belasten sich auch noch mit den Sorgen ihrer Kinder. Ich denke nicht, dass zu wenig darüber gesprochen wird – man sieht es täglich bei ganz normalen Familien. Was würde es ändern, das öffentlich zu diskutieren? Davon werden die Kinder nicht gesund und die Probleme werden nicht weniger. Aber das gehört dazu, wenn man für ein Menschenleben die Verantwortung übernimmt. Dass es Egoisten gibt, die im Nachhinein ihre Elternschaft wirklich bereuen, ist vermutlich eine Ausnahme. Warum also danach suchen?
Kommentar von MarryS

Meine Kinder waren die schwierigste, anspruchsvollste und mich am allermeisten fordernde Aufgabe, die das Leben (bisher) an mich gestellt hat (mein Empfinden). Sie sind das Beste, was mir passieren konnte, denn sie haben mich gezwungen, meine "dunklen" Anteile anzusehen und wo es möglich war, zu integrieren. Dadurch hat mein Leben sehr an Tiefe gewonnen. Sie haben mich wahrscheinlich wesentlich stärker erzogen als umgekehrt. Das war allerdings (ziemlich) anders – als ich es mir vorgestellt hatte.
Kommentar von Elisabeth von Randow

Das Kind kam spät und unerwartet in das Leben zweier Menschen mit chronischen Krankheiten. Die Mutter hat nach einem Schicksalsschlag den Kampf gegen die Sucht verloren, der Vater zog die Notbremse – Scheidung, Kontaktabbruch. Seitdem kämpft er gegen die Zeit und die MS, um seinen Sohn wenigstens noch auf eigene Beine zu helfen bevor sein Körper crasht. Familie und Freunde unterstützen, jeder nach seinen Möglichkeiten. Beide Eltern lieben ihren Sohn – aber um seinetwillen zweifeln sie schon in dunklen Stunden an der Entscheidung bei Thema Abbruch ja/nein. Und ja, wir haben als Familie sehr lange und intensiv auch mit Profis beraten, ob Vollpflegschaft oder Sorgerechtsverzicht der bessere Weg wäre. Bisher jedoch läuft es relativ gut. (...) Es tut gut, in der Anonymität des Internets sehen zu können: Ich/wir sind nicht die einzigen. Wir sind keine Monster, sondern da draußen in der Welt gibt es noch mehr, die so fühlen/denken. Das ist eine große emotionale Entlastung, die letztlich den Kindern zugute kommt. Außerdem können die Lösungen anderer auch helfen, eigene Lösungen zu finden. Oder sich eben schon vorher darauf einzustellen, dass Elternschaft kein Never-Ending-Weichspülerwerbespot ist – und so nicht ganz so ungebremst aufzuschlagen, mit allem was dazugehört.
Kommentar von LenaRöhler

Bereut habe ich meine drei Kinder nie. Ich kann mir mein Leben anders nicht mehr vorstellen. Ich mag es, wie es ist. Aber ich kann auch jeden Menschen verstehen, der sich bewusst gegen Kinder entscheidet, denn Kinder bekommen gleicht – etwas übertrieben ausgedrückt – einem Suizid. Das alte Ich, das alte Leben, wird mit einem Schlag ausgelöscht. Man bekommt zwar ein neues geschenkt, aber man muss es erst lieben lernen. Einige meiner engen Freundinnen von früher sind noch immer kinderlos und führen ein, wie ich finde, unbeschwertes und sorgenfreies Leben. Und natürlich blinzele ich manchmal neidvoll zu ihnen hinüber. Aber nur ganz kurz.
Anonym, per E-Mail