Dezentrale Selbstverwaltung: "heise online"

Das IT-Nachrichtenportal heise online existiert seit 1996, die Einrichtung eines Forums erfolgte 1999. Allerdings gab es schon lange, bevor das Portal online ging, einen Leserchat über dezentrale Mailboxen. Auch dort habe man bereits mit Trollen zu tun gehabt, erinnert sich Jürgen Kuri, stellvertretender Chefredakteur. Das Besondere bei heise online ist die Dezentralität. Die Plattform soll eine offene Diskussion ermöglichen, die Kommentarinhalte werden aber nicht als plattformeigene Inhalte begriffen, weshalb sie nicht moderiert werden und die Redaktion überhaupt nur eingreift, wenn sie auf bedenkliche Kommentare hingewiesen wird. "Dadurch haben wir eine eigene Community, die sich eigene Regeln gibt und sich dadurch teilweise selbst verwaltet", erklärt Kuri. "Vor allem, als wir einmal das Design änderten, erkannten wir, wie viele User das Forum als ihr eigenes Ding begreifen." So gibt es auch ein unabhängig von der Redaktion entstandenes heise-Forenwiki, das die Besonderheiten des Forums für Neuzugänge erklärt. Und das ist zum Teil wirklich notwendig. Das "Fischwerfen" zum Bespiel ist eine Eigenheit der heise-Community: Macht jemand einen Troll aus, markiert er ihn, etwa indem er auf seinen Kommentar mit einer aus Sonderzeichen gebildeten Darstellung eines Fisches wie "<:(-(-(<<" antwortet. Um den Ursprung dieser Quelle zu kennen, muss man wohl zur heise-Zielgruppe gehören: In einem Spiel der Adventure-Reihe Monkey Island bewacht ein Troll eine Brücke und gibt sie nur frei, wenn man ihn mit einem roten Hering füttert.

Unternehmensportal mit Forum: "t-online.de"

Die Deutsche Telekom ging 1995 samt Service-Forum online. Integrierte Dienste auf der Startseite wie ein E-Mail-Angebot machten t-online.de rasch zum reichweitenstärksten Portal Deutschlands. 2000 wurde die Seite um redaktionelle Inhalte und thematische Foren und Chats erweitert, auch mit traditionellen Medienmarken (Bild, Bunte, ZDF) wurde damals kooperiert. "Wir wollten dem Bedürfnis der User nach Kommentierung und Dialog nachkommen", erklärt Sascha Hornung, stellvertretender Chefredakteur von t-online.de. 2007 kam ein Kommentarbereich hinzu, den das Portal allerdings nur für eine "begrenzte Zahl" an Themen zulässt. "Auch wir haben massive Probleme mit Trollen", schreibt die Chefredaktion in einer Stellungnahme, für eine sachliche Debatte "müssen wir immer härter kämpfen". Das Bedürfnis der User (500.000 Kommentare pro Monat) sei zu groß, die Moderation eine Ressourcenfrage geworden. Die Community-Redaktion solle in den nächsten Monaten jedoch verstärkt werden, damit wieder alle Themen kommentiert werden können. Derzeit sei das nur bei rund 20 Prozent der Beiträge der Fall.

Leserdialog: Immer noch ein Experimentierfeld

Mit der Einführung von Foren und Kommentarbereichen ging oft der Glaube an gesellschaftspolitische Ideale einher: Meinungsfreiheit, partizipative Demokratie, Gleichberechtigung. "Ja, für den Bürger ist es einfacher geworden, sich politisch zu beteiligen", sagt Annette Leßmöllmann, Linguistin und Professorin für Wissenschaftskommunikation am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) zwar, sie misst dieser Entwicklung aber "keine zu hohe Bedeutung bei. Das Digitale löst nicht alle Probleme". Aktuell wird die Debattenkultur im Netz weniger als Chance gesehen, sondern vielmehr beklagt. Das, was online an negativen Entwicklungen beobachtet und gern als netzexklusive Problematik bewertet wird, ist aber "kein digitaler, sondern ein sozialer Prozess. Menschen verhalten sich online nicht viel anders als offline. Deshalb braucht es auch online ähnliche Regeln, wie wir sie vom gesellschaftlichen Zusammenleben kennen".

Die Interaktionsmöglichkeiten des Internets verändern auch die Berufspraxis von Journalisten. Sie müssten direkter auf ihre Leser zugehen, ihre Rolle hin zu einem Informationskurator ändern, findet Leßmöllmann: "Mein Wunsch ist es, dass das noch offensiver passiert. Die Kommentarfunktion sollte als Teil des Journalismus begriffen werden." Dazu passt auch eine Leserkommentar-Studie aus dem Jahr 2013 von Dietram Scheufele und Dominique Brossard: Eine Hälfte der Probanden bekam konstruktive Leserkommentare zu lesen, die andere Hälfte gegenteilige. Das Ergebnis: Leserkommentare können signifikant die Gedanken von Lesern über einen Artikel beeinflussen. Oft habe sich bei den Lesern der negativen Kommentare auch die Interpretation des Textes verändert. Für den sogenannten Nasty Effect sei nicht so sehr der Inhalt, sondern der Ton verantwortlich, befanden die Forscher. Jener ändere sich schlagartig, sobald Redakteure oder Moderatoren sich im Kommentarbereich einschalteten, wie auch eine unveröffentlichte Studie des Guardian zeigt – und Beobachtungen von ZEIT ONLINE zu diesem Phänomen sind quasi deckungsgleich.

Die Förderung des Leserdialogs gewinnt an Gewicht in der Medienlandschaft, und Kommentarbereiche sind mittlerweile selbstverständlicher Bestandteil davon. Aber es gibt sie erst seit 15 Jahren, und das ist historisch betrachtet eine kurze Zeitspanne. Wie sehr dieser Bereich noch dabei ist, sich zu finden, zeigt sich etwa im völlig unterschiedlichen Umgang einzelner Redaktionen mit Kommentarbereichen: Die New York Times verdoppelt ihre Ressourcen in der Moderation, während andere große Nachrichtenseiten die Kommentarfunktion ganz abgeschaltet haben (und diesen Schritt wie Reuters, Bloomberg und The Week öffentlich begründen) oder wie süddeutsche.de nur auf ausgewählte Artikel beschränkt zulassen. Manche halten Möglichkeiten zur öffentlichen Meinungsäußerung für diskursstörend und sind mit einer reinen Rezipientenrolle glücklich, anderen erscheint die Abschaffung von Kommentarbereichen heute so abwegig wie ihre Einführung vor 20 Jahren. Was wäre, wenn Medien wirklich zukünftig auf partizipative Strategien verzichten würden? Brächte das Ruhe in öffentliche Diskurse oder wäre das Ergebnis eine Verarmung der Debattenkultur? Diesen Text können Sie kommentieren.