Ein Wendepunkt einige Monate nach dieser Trennung war für mich das PAN-Treffen. Es gibt in Deutschland einen Verein, das Polyamore Netzwerk e.V. (PAN), der dreimal im Jahr ein großes Vernetzungstreffen für polyamore Menschen veranstaltet. Als ich zum ersten Mal zu so einem Treffen fuhr, traf ich auch zum allerersten Mal viele polyamor lebende Menschen außerhalb meiner Stadt. Mir gefiel, wie achtsam und verkuschelt sie miteinander umgingen, und es tat mir sehr gut, über meine Erfahrungen endlich einmal mit Menschen außerhalb meines Beziehungsnetzwerks sprechen zu können. Seit Ende 2013 bin ich auf jedes einzelne PAN-Treffen gefahren, und diese neuen Perspektiven haben mich spürbar vorangebracht. 

Mit Maria bin ich nun seit zweieinhalb Jahren zusammen, wir sehen uns alle zwei bis drei Wochenenden. Wir sind beide mit unserem Studium fertig und arbeiten. Vor einem Jahr lernte ich außerdem Charlotte kennen und begann eine Beziehung mit ihr. Sie wohnt ebenfalls in Berlin und ist mit Maria gut befreundet. Und dann gibt es da noch Elisa, die in der gleichen Stadt wohnt wie ich, und mit der ich seit einem halben Jahr zusammen bin. 

Wer jetzt das Bild von dem Kerl mit seinen drei Frauen hat, könnte nicht falscher liegen. Es gibt freundschaftlich-sexuelle Beziehungen zwischen Charlotte und sowohl Maria als auch Elisa, die ganz unabhängig von mir existieren. Alle drei Frauen haben zudem noch weitere Menschen, mit denen sie romantisch und/oder sexuell verbunden sind. Charlotte wohnt beispielsweise mit einem Partner zusammen, mit dem sie schon seit sieben Jahren eine Beziehung führt. Kein Konkurrenzdenken, sondern ganz viel Kooperation – das gefällt mir sehr gut. 

Beziehung ohne Label

Neben diesen drei Beziehungen habe ich auch noch einige andere Verbindungen zu tollen Menschen. Nicht nur zu Frauen, denn ich bin pansexuell. Jede dieser Verbindungen ist einzigartig, und ich habe es aufgegeben, ihnen unbedingt feste Bezeichnungen wie "Partnerschaft", "Freundschaft" oder "Sexbeziehung" zu geben, weil kein Begriff den Menschen dahinter gerecht wird. Ich suche keinen Halt mehr in solchen Labels, sondern lasse zu, dass sich jede Beziehung individuell entwickelt – und jede hat ihre ganz eigene Zusammensetzung aus romantischen, freundschaftlichen und sexuellen Komponenten. Deswegen gehe ich zunehmend zum Begriff "Herzensmensch" über, der für mich ausdrückt: Das ist eine Person, die ich lieb habe und die auch in Zukunft in meinem Leben eine Rolle spielen soll.

Weil ich durch die Polyamorie mehr als eine Beziehung haben kann, ergibt sich kein Drang mehr, in einer einzigen Beziehung all diese Dinge gleichzeitig zu verwirklichen. Wir sind weniger gezwungen, unschöne Kompromisse zu finden, sondern können leichter sagen: "Okay, der Teil passt eben mit dir nicht, da wollen wir etwas Unterschiedliches." Umso mehr spürt man dabei dann auch, was einen stattdessen alles verbindet. Die Beziehungen sind im steten Fluss: Es kann immer sein, dass eine Beziehung eine Weile lang sehr schön ist, aber sich dann die Menschen und ihre Bedürfnisse verändern und es nicht mehr so gut zusammenpasst. Ich kenne viele polyamore Beziehungen in meinem Umfeld, in denen dann statt einer Trennung eine Transformation der Beziehung zu einer anderen Verbindung stattfinden konnte. Der Fokus liegt dann mehr darauf, immer wieder neu zusammen herauszufinden, was man miteinander haben möchte – und das kann sehr spannend und verbindend sein. Der in der Monogamie verbreitete Gedanke "das war dann wohl doch nicht die wahre Liebe" ist mir fremd, denn er würde für mich entwerten, was ich Schönes mit jemandem erlebt habe.