Was haben Edward Snowden, Boris Becker, Hannah Arendt, die eigene Mutter und Flüchtlingshelfer gemeinsam? Sie sind Vorbilder für unsere Leserinnen und Leser. Vor zwei Wochen gingen Autorinnen und Autoren der ZEIT der Frage nach, was ein Vorbild, was einen Helden oder eine Heldin ausmacht. Wir haben unsere Leserinnen und Leser gebeten, uns in den Kommentaren ihre Haltung zu Vorbildern mitzuteilen. Es entstand eine lebhafte Debatte darüber, welche Kriterien an ein Vorbild anzulegen seien. Die Antworten widersprachen sich an einigen Stellen und überschnitten sich an anderen.

Vom Heldentum und Boris Becker

Ist ein Vorbild immer ein Held und ein Held automatisch ein Vorbild? Nein, entschieden einige Leser, darunter Userin Kulturpessimistin:

Zum einen gibt es die Helden, die inszeniert werden (das mindert nicht ihr Tun, nur den Umgang). (...) Ein Vorbild hingegen setzt, zumindest für mich, mehr auf Dauer, auf Kontinuität. Wäre für mich ein Vorbild, wer einmal im Leben etwas Mutiges tat? Eher nicht.

Das Vorbild, schreibt User woherwohinwarum, könne "jemand sein, der für ein Problem, das man selbst hat, eine gute oder schlechte Lösung gefunden hat. Daran lernt man – aber es ist kein Heldentum damit verbunden, nicht einmal eingebildet." Ein anderer Leser beschreibt ein Vorbild als einen Menschen, dem man nicht unbedingt nacheifert, dessen Lebensweg einen aber inspiriert. Für Leser Ralf Moritz sind es beispielsweise folgende Vorbilder: Boris Becker mit seinem "unbedingten Willen", Bruce Springsteen mit seiner "brennenden Leidenschaft", Peter Gabriel wegen "gelebter Emotionalität" und schließlich Mark Knopfler aufgrund seiner Exzellenz. 

Denn das Vorbild liegt so nah

Im direkten Umfeld finden unsere Leser häufig Menschen, die sie prägen. Vor allem Frauen berichteten, dass es für sie zunächst schwierig war, weibliche Leitfiguren auszumachen. Jasmin Hahn schildert es so:

Nachdem ich mir anfangs immer recht ziellos vorkam, bemerkte ich auch, dass ich mehr Vorbilder unter den Frauen finde als gedacht. Neben meiner Mutter war es auch meine Geografie-Lehrerin, die ich bewunderte. Sie war belesen, klug und darauf bedacht, uns zum kritischen Denken zu bewegen. Dabei hatte sie stets ein Lächeln und Motivation für ihre Schüler. Ich bewunderte ihre Ausgeglichenheit, Leichtigkeit und Wissen. Sie ermutigte mich auch zum Studieren.

Heute, schreibt Hahn, orientiere sie sich an Hannah Arendt: "Eine starke, kluge und vor allem unabhängige Frau. Denn das ist etwas, was alle gemeinsam haben und ich mir zum Ziel setze: Selbständigkeit und Unabhängigkeit."

Martin Bernds hat seinen Helden täglich vor Augen. Die Erfahrungen eines Kollegen, schreibt er, seien für ihn zwar keine klassische Vorbildgeschichte; gleichwohl lehrte ihn der Kollege, was das Menschsein ausmache, dass Mut und Durchhaltevermögen beispielhaft sein können:

Ich nenne den Mann Paul. Paul, tätig in einem anspruchsvollen Beruf, Familienvater mit Verantwortung, glitt vor ein paar Jahren in eine Psychose ab. Er fühlte sich beobachtet, verfolgt und bedrängt. Er verstand die Welt nicht mehr und sah überall Feinde. Nach langen Klinikaufenthalten arbeitete er sich zurück ins Leben. Langsam wurde ihm klar, dass es ihm nicht hilft, nach Ursachen für seine Erkrankung zu suchen, sondern sich im Hier und Jetzt mit der Psychose auseinanderzusetzen. Mit kleinen und größeren Schritten ist Paul mit der Zeit in sein Leben zurückgekehrt. Ja, er hat es geschafft. Seine Angst, dass sich die Psychose erneut seiner bemächtigt, begleitet ihn trotzdem immer wieder. Deshalb hat er gelernt, achtsam mit sich umzugehen. Nach vorne zu schauen. Nicht aufzugeben. Seine Angst, sein Wesen wahrzunehmen und darüber zu sprechen. Seinen Rahmen beständig zu erweitern. Nicht aufzugeben.

Das Vorbild ist politisch – dessen Ablehnung auch

Ein anderer Typus des Vorbildes ist in den letzten Monaten entstanden: der Flüchtlingshelfer. Das Titelbild des Artikels "Vorbilder: Die Lüge vom perfekten Helden" zeigte Menschen, die Geflohene aus einem Boot an Land holten. Das stieß im Kommentarbereich von ZEIT ONLINE nicht nur auf positive Resonanz und verdeutlichte einmal mehr die emotional geführte Debatte. Als störend empfanden es einige Leser, dass ihnen mit dem Titelbild Menschen als Vorbilder vorgestellt wurden, die mit ihren Aktionen Geflohenen zur Seite stehen: "Es berührt mich immer mehr etwas unangenehm, dass fast immer, wenn von guten Taten die Rede ist, die Flüchtlingsproblematik angesprochen wird."  Andere wiederum nahmen die Fotografie als Sinnbild für Vorbildhaftigkeit wahr: "Für viele Menschen – so auch für mich – handeln die auf dem Foto gezeigten helfenden Personen (es sind dies übrigens Männer und Frauen) vorbildlich, da sie selbstlos in Not befindlichen Menschen helfen."
Eine politische Dimension hat auch der Fall Edward Snowden, dessen Name im Kommentarbereich immer wieder fiel. Der US-amerikanische Whistleblower, der durch die Veröffentlichung geheimer Dokumente für internationales Aufsehen sorgte und ins Exil nach Russland floh, gilt vielen Lesern als Vorbild. Er sei, so User Valmel, ein schönes Beispiel dafür, "wie nah 'Held' und 'Terrorist' beieinander liegen. Für die einen ist er ein Held, der sein gutes Leben für die Wahrheit aufgegeben hat, für die anderen ist er ein Verräter seines Landes."

"Kill your idols" – Eigenverantwortung und Projektion

Nicht nur mit konkreten Vorbildern beschäftigen sich die Beiträge, sondern auch mit der Frage, ob es überhaupt Vorbilder bedarf. Userin Sybille_groß verneint dies: "Ich brauche keine Vorbilder, Helden schon gar nicht. Ich bin erwachsen. Ich brauche einen gerechten Staat, der den sozialen Ausgleich schafft und eine vorausschauende Politik betreibt."

Zum vorsichtigen Umgang mit Vorbildern ruft implizit auch User Honoré Daumier auf. In seinem Kommentar weist er darauf hin, dass es bei der Auswahl eines Vorbildes um Projektionen geht, es sich aber lohnt, darauf zu achten, was an einem bestimmten Menschen Bewunderung hervorruft:

Im Vorbild steckt das Wort 'Bild'. Ich mache mir ein Bild von jemandem, projiziere etwas auf ihn. Das können negative, von mir abgelehnte Aspekte sein. Oder positive, (noch) nicht realisierte Aspekte von mir oder meines Potenzials. In diesem Sinne könnte man auch von 'Leitbild' sprechen. Vorbild könnte also jemand sein, der in mir etwas wachruft, das ich noch nicht bin, aber wofür das Potenzial in mir bereit ist, sich zu entwickeln.