Wer einer marginalisierten Gruppe angehört, kann online Anschluss zu anderen Menschen finden, die ähnliche Erfahrungen machen. Doch solche Communitys ziehen Trolle geradezu magisch an – und die wiederum halten viele davon ab, sich in einem Onlineforum aktiv einzubringen. Die Community Ahwaa, benannt nach dem arabischen Wort für Leidenschaft, ist eine englisch- und arabischsprachige Plattform für queere Teenager und junge Erwachsene. Das Forum, das vor allem in der Golfregion, aber auch in Ländern wie Ägypten und Tunesien genutzt wird, ist fast frei von Hass und Mobbing. Gründerin Esra'a al-Shafei hat eine Lösung gefunden, die Trolle abzuschrecken. 

ZEIT ONLINE: Frau Al-Shafei, Sie haben eine Onlinecommunity für queere Menschen in der arabischen Welt gegründet – fast ohne Trolle. Wie haben Sie das geschafft?

Esra'a al-Shafei: Die Grundidee ist: Unsere Plattform ist öffentlich. Aber um in die intimeren Bereiche des Forums zu kommen, muss man erst mal zeigen, dass man ein nettes, hilfsbereites Forumsmitglied ist. Wer andere unterstützt, bekommt Punkte – und je mehr Punkte man hat, desto mehr Zugang bekommt man auch. Insgesamt gibt es drei Level, die jeweils ab einer bestimmten Punktzahl freigeschaltet werden. Wer negativ auffällt, wird sofort gelöscht.

ZEIT ONLINE: Wofür gibt es Punkte und wer vergibt die?

Al-Shafei: Die anderen Userinnen und User vergeben die Punkte. Wenn sie einen Beitrag oder eine Antwort von jemandem hilfreich finden, können sie ihn positiv bewerten. Etwa wenn jemand schildert, wie er es geschafft hat, mit seinen homophoben Eltern zurechtzukommen. Wer immer nur "Hallo, alle zusammen" oder "Einen schönen guten Tag euch allen" postet, sammelt eher keine Punkte ein.

ZEIT ONLINE: Was von Ahwaa ist öffentlich und was wird erst freigeschaltet, wenn man sich als gutes Mitglied bewiesen hat?

Al-Shafei: Auch im öffentlichen Bereich werden schon manche eher privaten Diskussionen geführt, zum Beispiel über Beziehungen oder psychische Probleme. Aber Threads zu sehr intimen Themen wie Sexualkrankheiten oder dass jemand überlegt, Asyl zu beantragen, sind für neue Nutzerinnen noch nicht sichtbar. Auch der Chat wird erst freigeschaltet, wenn man genug Punkte gesammelt hat. Bis ein Troll da reinkommt, muss er schon sehr lange vorgegeben haben, dass er eigentlich ein netter Typ ist.

ZEIT ONLINE: Machen das manche Trolle?

Al-Shafei: Sehr selten. Natürlich kann jemand faken, dass er ein gutes Mitglied ist. Wir zwingen Trolle dazu, nett zu sein. Aber die meisten von ihnen wollen nichts Positives über LGBT sagen. Sie haben auch gar nicht die Geduld, um das über einen längeren Zeitraum durchzuhalten und so in die intimeren Bereiche der Community zu gelangen. Die meisten wollen einfach nur rumtrollen. Deshalb gehen sie lieber zu Twitter, da haben sie es leichter als bei uns.

ZEIT ONLINE: Wann hatten Sie das letzte Mal Besuch von einem richtig unangenehmen Troll?

Al-Shafei: Wir hatten glücklicherweise bisher keinen richtig schlimmen Troll. Wenn ab und zu mal einer auftaucht, postet er den üblichen Bullshit. Etwa dass alle LGBT sterben sollten oder so was in der Art. Aber wir haben keine wirklich persönlich belastenden Angriffe auf einzelne User. Der Troll-Account wird dann direkt gelöscht, und damit hat sich die Sache meistens erledigt.