ZEIT ONLINE: Trauen sich die Leute bei Ihnen im Forum noch, auch mal etwas Kritisches zu sagen? Oder müssen sie dann fürchten, sofort rauszufliegen?

Al-Shafei: Niemand muss fürchten, wegen einer kritischen Bemerkung gesperrt zu werden. Es gibt nur wenige Fälle, in denen wir eine Person sofort aus dem Forum verbannen: Wer jemand anderes belästigt, mit Gewalt bedroht oder private Informationen über ihn offenbart, wird gesperrt, denn die Sicherheit unserer Nutzerinnen und Nutzer hat für uns oberste Priorität. Leidenschaftliche Debatten dagegen unterstützen wir. Diskussionen sind nicht immer angenehm, aber sie sollten respektvoll geführt werden.

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ahwaa nach diesem Prinzip aufzubauen? Haben Sie selbst Hass in Onlineforen erlebt?

Al-Shafei: Nicht direkt. Aber ich habe früher als stille Mitleserin in Foren mitbekommen, wie Leute schikaniert wurden, weil sie schwul waren. Mir hat das Angst gemacht, darum war ich selbst nie besonders aktiv. Ich wollte nicht auch zur Zielscheibe werden. Außerdem habe ich es mehrmals erlebt, dass LGBT-Gruppen auf Facebook entfernt wurden, weil homophobe Leute diese Gruppen entdeckt und massenhaft gemeldet haben. Das ging wahnsinnig schnell, innerhalb von 24 Stunden war eine Gruppe mitunter gelöscht. Vom Facebook-Support, den wir damals kontaktierten, kam auch keine Unterstützung. Das war der Punkt, an dem ich dachte: Wir können uns nicht auf Facebook verlassen, wir können uns auch nicht auf Twitter verlassen, wir brauchen unsere eigene nicht westliche Plattform. Sonst können wir nur noch geheime Gruppen gründen mit Menschen, die wir persönlich kennen. Und eine Community, in der nur ich und meine Freunde sind, war nicht das, was mir vorschwebte.

"Ich wollte die Plattform, die mir selbst gefehlt hat."
Esra'a al-Shafei

ZEIT ONLINE: Was schwebte Ihnen denn vor?

Al-Shafei: Eine Community, die offen ist für alle. Es gibt Millionen LGBT in der arabischen Welt. Ich wollte einen Ort schaffen, an dem sie angstfrei Unterstützung finden und geben können, an dem sie sich miteinander vernetzen können. Ich wollte die Plattform, die mir selbst gefehlt hat.

ZEIT ONLINE: Wie ist die Situation für queere Menschen in Ihrem Heimatland Bahrain?

Al-Shafei: Das gesellschaftliche Klima in Bahrain gegenüber LGBT ist feindselig. Wer sich öffentlich zu erkennen gibt, muss Diskriminierung und rechtliche Konsequenzen fürchten. Trotzdem existiert eine queere Community in Bahrain. Ihre Angehörigen halten sich aber eher bedeckt, um Probleme zu vermeiden. In den anderen Ländern der Golfregion ist die Situation ähnlich, in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien ist sie allerdings besonders schwierig, auch wegen der schweren Strafen, die LGBT drohen.

ZEIT ONLINE: Ahwaa ist nicht besonders groß, ein Troll hat also auch keine große Bühne. Glauben Sie, das spielt eine Rolle dabei, warum Sie so wenig Probleme mit Trollen haben?

Al-Shafei: Das stimmt, wir sind nicht gerade riesig mit 8.000 aktiven Mitgliedern. Ich glaube, das ist eine gesunde Communitygröße. Gerade im Westen denken aber viele, dass eine Plattform nur dann ein Erfolg ist, wenn sie von Hunderttausenden genutzt wird. Und ich denke, der Grund, warum wir erfolgreich wurden, ist das Gegenteil: Wir wachsen sehr langsam, um etwa 1.000 Userinnen pro Jahr, vor allem über Mundpropaganda. Ich weiß nicht, ob unser Modell noch funktionieren würde, wenn wir eine halbe Million Nutzer hätten. Jetzt bekommen wir sehr viel positives Feedback: Immer wieder schreiben uns Leute, dass die Plattform ihnen geholfen hat. Und in Bulgarien gibt es inzwischen auch ein Forum, das nach dem gleichen Prinzip wie unseres funktioniert. Ich denke, es gibt eine Menge Communitys, denen unsere Strategie helfen könnte, nicht nur für LGBT. So viele Menschen werden online angefeindet, etwa wegen ihres Aussehens oder weil sie ein Suchtproblem haben. Cybermobbing ist ein riesiges Problem.