Auf lange Sicht sollen die ehemals Obdachlosen eine eigene Wohnung finden, das ist auch hier das Ziel. So werden WG-Zimmer frei und jemand Neues kann einziehen. Im Gegensatz zu Housing First ist das Projekt also kein dauerhaftes Angebot. In der Regel blieben Bewohnerinnen für ein, zwei Jahre, sagt Kerres, rausgeschmissen werde aber niemand. Das bedeute allerdings auch, dass die Zahl derjenigen, denen geholfen werden könne, begrenzt sei: Mehr als zehn WGs werde es vorerst nicht geben. So ähnlich wie Housing First Berlin richtet sich VinziRast-mittendrin also nur an vergleichsweise wenige Menschen.

Housing First und VinziRast-mittendrin versuchen, obdachlosen Menschen langfristig zu helfen, ohne ihnen Pflichten aufzuerlegen. Housing First setzt dafür auf die Vermittlung von Wohnraum, Hilfsangebote sind freiwillig. VinziRast bietet den Betroffenen neben einem WG-Zimmer auch Mitbewohner, einen Job und ein Freizeitprogramm. Volker Busch-Geertsema, Leiter der GISS, findet, dass beide Projekte Vor- und Nachteile haben: "Allein lebende Menschen können vereinsamen, dafür kann eine WG wie bei VinziRast-mittendrin eine Lösung sein", sagt Busch-Geertsema. "Die meisten Wohnungslosen wollen aber nicht in Wohngemeinschaften leben. Wenn ehemalige Obdachlose mit Studierenden zusammenwohnen wollen, ist das wunderbar – das würde ich aber nicht zur Voraussetzung machen." Er betrachte VinziRast-mittendrin als gelungenes Ausnahmeprojekt und wichtige Ergänzung zu bestehenden Angeboten. Housing First sei ein breiterer Ansatz, der so viel Normalität wie möglich schaffen wolle. Zu dieser Normalität gehöre auch, eine eigene Wohnung zu haben und an unterschiedlichen Orten zu wohnen und zu arbeiten.

Um Obdachlosigkeit großflächig anzugehen, müsste der Staat mehr Sozialwohnungen bauen und sie gezielt an Menschen vergeben, die wohnungslos oder von Wohnungslosigkeit bedroht sind.
Volker Busch-Geertsema, Sozialforscher

Unabhängig vom Erfolg von Housing First und VinziRast-mittendrin sagt Busch-Geertsema aber auch: "Um Obdachlosigkeit großflächig anzugehen, müsste der Staat mehr Sozialwohnungen bauen und sie gezielt an Menschen vergeben, die wohnungslos oder von Wohnungslosigkeit bedroht sind." Ein gutes Beispiel sei Bremen, wo 25 Prozent des neu gebauten Wohnraums staatlich gefördert werden, 20 Prozent davon gingen an Wohnungslose.

Dort, wo Präventivmaßnahmen wie diese versagen, bieten Housing First und VinziRast-mittendrin Hilfestellungen, die über die übliche Obdachlosenhilfe hinausgehen. Beide Projekte können sich gegenseitig ergänzen – zumindest in Wien, wo es sowohl Housing First als auch VinziRast-mittendrin gibt. Ein großes Problem bleibt allerdings: Nur wer einen Anspruch auf Sozialleistungen hat, kann die Hilfe auch wirklich in Anspruch nehmen. Denn nur dann können die Housing-First-Miete oder das VinziRast-mittendrin-Zimmer finanziert werden. Wer aus einem anderen EU-Land nach Deutschland kommt, muss entweder einen Job haben oder mindestens fünf Jahre hier sein, um Leistungen zu bekommen. Das ist ein Problem, denn knapp ein Fünftel der obdachlos lebenden Menschen in Deutschland kommt aus Osteuropa. Finden sie hier keine Arbeit, kann ihnen kaum geholfen werden.