An der Wand im Büro von Housing First Berlin hängt eine große Weltkarte, in Nordamerika und Europa stecken kleine bunte Fahnen: in San Francisco, in Toronto, in Glasgow – und in Berlin. "Wir wollen überall da Fähnchen reinstecken, wo es Housing First gibt", sagt Stefan Laurer. Er ist Sozialarbeiter und leitet das Housing-First-Projekt in Berlin. Housing First heißt übersetzt Wohnraum zuerst, die Idee: Menschen, die keine Wohnung haben, bekommen eine – keine Unterkunft, kein betreutes Wohnen, sondern eine eigene Wohnung. Mit Mietvertrag, ohne verpflichtende Therapien und Beratungen.

Laurer zeigt auf die USA, dort wurde das Konzept in den Neunzigerjahren entwickelt. Seitdem breitet es sich aus, inzwischen gibt es Housing First auch in vielen Städten in Europa. Laurers Finger macht Halt bei Finnland, hier wurde das Konzept sogar landesweit eingeführt. Seit Oktober arbeiten er und zwei Kollegen nun daran, Housing First in Berlin zu etablieren. Die gemeinnützige GmbH Neue Chance und die evangelische Berliner Stadtmission haben das Modellprojekt initiiert, der Senat zahlt vorerst für drei Jahre knapp eine Million Euro. Am Ende der Modellphase sollen mindestens 40 Obdachlose in eigenen Wohnungen leben, das ist der Plan.

Es wäre ein erster kleiner Schritt zur Lösung einer großen Aufgabe: Weil Mieten teurer und Sozialwohnungen weniger werden, steigt die Zahl der Menschen, die keine Wohnung haben, seit Jahren. Eine amtliche Statistik gibt es zwar nicht, aber die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) veröffentlicht regelmäßig Schätzungen, die aktuellste ist von 2017. Darin heißt es, die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland werde bis 2018 auf 1,2 Millionen wachsen, das sind mehr als fünfmal so viele Wohnungslose wie noch 2008. Sie schlafen bei Freunden, in Notunterkünften oder staatlich finanzierten Wohnheimen – oder auf der Straße: Die Zahl derjenigen Menschen, die nicht nur wohnungs-, sondern auch obdachlos sind, schätzt die BAG W auf etwa 52.000. Die Organisation Neue Chance geht davon aus, dass allein in Berlin etwa 6.000 Obdachlose leben, die genaue Zahl kennt auch hier niemand.

Manche Leute schaffen es aber nicht, ihre Lebenssituation grundlegend zu verändern.
Stefan Laurer, Leiter des Housing-First-Projekts in Berlin

Oft wird Obdachlosen nur vorübergehend geholfen: Notunterkünfte, Kältebusse, Suppenküchen – das alles löst kurzfristige Probleme, verändert die Lebenssituation der Betroffenen aber nicht. Wer weg will von der Straße, muss Hürden überwinden, denn in der Obdachlosenhilfe wird normalerweise nach dem sogenannten Stufenmodell gearbeitet: Betroffene müssen zum Beispiel zunächst ihre Alkoholabhängigkeit in den Griff bekommen und dann im betreuten Wohnen beweisen, dass sie selbstständig genug sind – erst am Ende bekommen sie eine eigene Wohnung.

"Manche Leute schaffen es aber nicht, ihre Lebenssituation grundlegend zu verändern", sagt Stefan Laurer von Housing First Berlin. Deshalb gehe Housing First einen anderen Weg: Am Anfang steht die eigene Wohnung, dort können die Betroffenen dann in Ruhe versuchen, ihre Suchtprobleme oder psychischen Krankheiten in den Griff zu bekommen. Wer eingezogen ist, kann theoretisch für immer bleiben, der Mietvertrag gilt bedingungslos. Alle Hilfsangebote sind freiwillig: Auf Wunsch besuchen Sozialarbeiter wie Laurer die Mieterinnen und Mieter zu Hause, worüber gesprochen wird, entscheiden die Betroffenen.

Wissenschaftlich ausgewertet wird Housing First Berlin von der Alice Salomon Hochschule Berlin, die Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung (GISS) in Bremen leistet konzeptionelle Hilfestellung. Von anderen europäischen Housing-First-Projekten gibt es bereits Statistiken, ihnen zufolge scheint das Konzept zu funktionieren: Erhebungen des Housing First Europe Hub, einem Zusammenschluss von 17 europäischen Housing-First-Projekten, kommen auf eine Erfolgsquote von mindestens 80 Prozent. Von zehn Menschen, denen eine Wohnung vermittelt wurde, leben also mindestens acht bis heute darin. Die Zahl ergibt sich aus den Erfolgsquoten der einzelnen Projekte, etwa in Amsterdam, Glasgow oder Lissabon; an der Auswertung haben unabhängige Sozialforscher mitgearbeitet.

So funktioniert Housing First

Wer Wohnungen an Obdachlose vermitteln will, braucht zunächst einmal Wohnungen. Das Housing-First-Konzept sieht vor, dass der soziale Träger eines entsprechenden Projektes nicht auch der Vermieter sein darf. Die Idee dahinter: Das Mietverhältnis soll nicht davon beeinflusst werden, ob und wenn ja wie die Betroffenen an Hilfsangeboten teilnehmen. Deshalb muss Housing First Berlin auf dem Berliner Wohnungsmarkt suchen, das heißt: herumtelefonieren und Wohnungen besichtigen wie Privatpersonen auch.

Kollegen von anderen Organisationen aber auch von Neue Chance seien vorher skeptisch gewesen, ob man auf dem regulären Mietmarkt überhaupt Wohnungen für das Projekt finden würde, sagt Sebastian Böwe, der die Suche verantwortet. Vermieter würden sich niemals für Obdachlose entscheiden, hätten sie gesagt. Doch schon im ersten Vierteljahr fand Böwe für Housing First Berlin sechs Einzimmerwohnungen. Sie liegen in Spandau oder Marzahn, also eher am Stadtrand, gehören städtischen Bauunternehmen, Genossenschaften und privaten Vermieterinnen.