Seit Oktober steht in den Produktionshallen der Firma Alb-Gold im schwäbischen Trochtelfingen eine neue Maschine. Alb-Gold stellt seit 1977 Nudeln her, in den ersten 40 Jahren wurden die in Plastikfolie verpackt – so wie Nudeln eben verpackt werden. Seit Oktober ist das anders, ein bisschen zumindest: Jetzt verpackt die neue Maschine sieben Nudelsorten in Papier. 

"Wir haben uns lange nicht an eine komplette Papierverpackung rangetraut", sagt Oliver Freidler, Mitglied der Geschäftsleitung von Alb-Gold. Eines der größten Bedenken: Es heiße immer, Verbraucherinnen müssten das Produkt im Markt sehen, um eine Kaufentscheidung zu treffen. Doch eine Marktforschung habe ergeben, dass Kunden Nudeln auch dann als Nudeln erkennen, wenn sie in undurchsichtigem Papier verpackt sind. Also entwickelte Alb-Gold eine reiß- und stichfeste Papierverpackung und kaufte eine neue Maschine, bald soll die auch weitere Nudelprodukte verpacken.

Wir haben uns lange nicht an eine komplette Papierverpackung rangetraut.
Oliver Freidler von Alb-Gold

Alb-Gold steht beispielhaft für viele Unternehmen und Bürgerprojekte, die versuchen, den Müll aus Plastikverpackungen zu reduzieren. Allein im Jahr 2016 wurden in Deutschland 3.097.700 Tonnen Kunststoffverpackungen weggeworfen, das sind rund 38 Kilogramm Folien, Schalen und Flaschen pro Kopf. 3.097.700 Tonnen, so viel wiegen alle noch in den Weltmeeren lebenden Blauwale zusammen, ungefähr. Sie sind diejenigen, die unter den weggeworfenen Verpackungen leiden, denn Jahr für Jahr landet ein Teil davon, zusammen mit anderem Plastikmüll, im Meer und schlimmstenfalls in den Mägen der Tiere.

Wie kann man die Umweltverschmutzung durch Plastikverpackungen verringern? Neben den Initiativen von Unternehmern und Bürgerinnen gibt es auch eine politische Antwort auf diese Frage: das neue Verpackungsgesetz, das seit dem 1. Januar gilt. Es verschärft die Regeln für den Umgang mit Verpackungen, aber verlangt von Unternehmen wie Alb-Gold weniger als möglich und notwendig wäre: Es zwingt niemanden dazu, auf Plastik zu verzichten.

Das Verpackungsgesetz ist kein völlig neues Instrument, sondern baut auf der Verpackungsverordnung von 1991 auf – und die ist ein Grund, warum Deutschland für viele andere Länder als Vorbild in Sachen Umweltschutz und Abfallwirtschaft gilt. Auch wenn hier pro Kopf mehr Verpackungsmüll anfällt als in jedem anderen EU-Land.

Die Verpackungsverordnung führte das Prinzip der Produktverantwortung ein: Jedes Unternehmen, das Verpackungen in Umlauf bringt, ist auch dafür verantwortlich, dass sie wieder eingesammelt und verwertet werden. Die Unternehmen machen das nicht selbst, sondern zahlen Lizenzgebühren an andere, sogenannte duale Systeme. Die organisieren den Rest und arbeiten dafür wiederum mit Entsorgungsunternehmen zusammen. Das älteste und bekannteste System ist der Grüne Punkt, mittlerweile gibt es insgesamt neun Systeme, die im Wettbewerb stehen.

Das neue Verpackungsgesetz ersetzt die Verpackungsverordnung, denn die hatte ein großes Problem: Sie war zu schwach. "Der Gesetzgeber hat festgestellt, dass nicht alle Hersteller ihren Pflichten aus der Verordnung nachgekommen sind", sagt Matthias Fabian, er leitet das Fachgebiet Vollzug Verpackungsgesetz im Umweltbundesamt. Manche Hersteller hätten gar nicht für ihre Verpackungen bezahlt, andere nur für einen Teil.

Mit dem Verpackungsgesetz wurde jetzt eine Zentrale Stelle eingerichtet, die Unternehmen stärker kontrollieren soll. Außerdem sieht das Gesetz vor, dass umweltfreundliche Verpackungen künftig durch niedrigere Lizenzgebühren belohnt werden. Und es soll dafür sorgen, dass weniger Flaschen im Müll landen, deshalb gibt es mehr Einwegpfand und eine Mehrwegquote.

Aus Umweltsicht ist die wichtigste Regelung im neuen Gesetz aber eine andere: höhere Recyclingquoten für Verpackungen. Seit Januar müssen die Systeme also dafür sorgen, dass mehr Plastik tatsächlich recycelt wird. Das Verpackungsgesetz schreibt außerdem vor, dass Plastikverpackungen werkstofflich verwertet werden müssen. Das bedeutet, dass beim Recycling der Kunststoff als solcher erhalten bleibt und zu einem neuen Kunststoffprodukt gemacht werden kann. Die PET-Flasche soll also bestenfalls wieder zur PET-Flasche werden, und nicht als Reduktionsmittel im Hochofen enden – das wäre rohstoffliche Verwertung.

Im neuen Verpackungsgesetz finden sich also einige Regelungen, die – wenn richtig umgesetzt – die Umweltverschmutzung durch Plastikverpackungen verringern könnten. Für Umweltschützer geht das Gesetz aber nicht weit genug.

Das Verpackungsgesetz verwaltet Müll, anstatt ihn zu vermeiden

Die Liste der Kritikpunkte ist lang: zu viele Ausnahmen, zum Beispiel beim Getränkepfand, zu viel Vertrauen in die Wirtschaft, zum Beispiel bei der Zentralen Stelle, zu wenig echte Vorschriften. Außerdem funktioniert der Kreislaufgedanke bei Kunststoffen nur selten: Oft entsteht beim Recycling ein qualitativ schlechteres Material, das nicht mehr für eine Verpackung, sondern zum Beispiel für einen Blumentopf oder eine Parkbank verwendet wird.

Die größte Schwäche des neuen Verpackungsgesetzes: Es konzentriert sich auf den Versuch, den Müll aus Plastikverpackungen möglichst umweltverträglich zu entsorgen – und nicht darauf, die Menge an Plastikmüll an sich zu reduzieren. "Aus Umweltsicht gilt: Der beste Abfall ist der, der gar nicht erst entsteht", sagt Matthias Fabian vom Umweltbundesamt.

Aus Umweltsicht gilt: Der beste Abfall ist der, der gar nicht erst entsteht.
Matthias Fabian vom Umweltbundesamt

Klar, Recyclingquoten und Rabatte könnten dazu führen, dass Unternehmen auf Plastikverpackungen verzichten. Außerdem sieht das Gesetz vor, dass Volumen und Masse von Verpackungen auf ein Mindestmaß reduziert werden sollen. Doch es hätte mehr tun können, um Plastikmüll zu vermeiden, sagen nicht nur Umweltverbände, sondern auch Verpackungsexperten.

Zum Beispiel, indem es dafür sorgt, dass neben Getränken auch andere Produkte in Mehrweg- statt in Einwegverpackungen verkauft werden, Müsli zum Beispiel: "Wenn man Spender aufstellt und Mehrwegdosen anbietet oder den Kunden erlaubt, eigene Behälter mitzubringen, geht das wunderbar", sagt Rolf Buschmann, Abfallexperte des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Er wünscht sich eine übergreifende Mehrwegquote; wenn die nicht erreicht werde, könne auch eine Gebühr auf Einwegverpackungen erhoben werden.

Die neue Plastik-Richtlinie der EU zeigt, dass das Verpackungsgesetz sogar noch weiter hätte gehen können: Sie schreibt vor, dass ersetzbare Einwegplastikprodukte wie Besteck, Teller, und Trinkhalme ab 2021 nicht mehr verkauft werden dürfen. Entsprechend hätte das Gesetz Plastikverpackungen dort verbieten können, wo es Alternativen gibt – zum Beispiel den Papierbeutel für Nudeln. "Ein Verbot ist immer die letzte Karte, die man ziehen kann", sagt Bernd Sadlowsky, Professor für Verpackungstechnik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. "Aber ich finde: Es muss No-Gos geben können."

Vorgaben für Abfallvermeidung sind rechtlich schwieriger auszugestalten.
Matthias Fabian vom Umweltbundesamt

Warum konzentriert sich das Verpackungsgesetz trotzdem auf Recycling? "Es ist einfacher, Vorgaben für das Recycling zu machen, Vorgaben für Abfallvermeidung sind rechtlich schwieriger auszugestalten", sagt Matthias Fabian vom Umweltbundesamt. Zum einen könne relativ leicht kontrolliert werden, welche Abfallmengen recycelt werden; ob Verpackungen tatsächlich wegen einer gesetzlichen Regelung eingespart wurden, sei schwieriger zu messen. Außerdem könne nicht für jedes Produkt eine spezifische Vorgabe getroffen werden, ob eine Verpackung nötig sei und wenn ja welche. "So etwas überfordert ein Gesetz", sagt Fabian.

Der Nudelhersteller Alb-Gold hat auch ohne Vorgabe nach einem Weg gesucht, um Plastik einzusparen – und es gibt viele weitere Firmen, die das Gleiche tun. Oft sind es verhältnismäßig kleine Unternehmen, die sich sowieso um Nachhaltigkeit bemühen. Sie ersetzen Kunststoffe durch anderes Material, das leichter recycelbar ist, oder entwickeln Mehrwegsysteme, und füllen damit genau die Lücken, die das Gesetz lässt. Diese Initiativen reichen also in vielerlei Hinsicht weiter als das Verpackungsgesetz – und gleichzeitig viel weniger weit.

Wie viel können kleine Initiativen bewegen?

Ähnlich wie Alb-Gold hat auch der Kosmetikhersteller Fair Squared einen Teil seiner Verpackungen umgestellt, von Plastik auf Glas. Außerdem gibt es ein freiwilliges Mehrwegsystem: Kundinnen können die Glastiegel beim Händler zurückgeben, der kann sie kostenfrei zurück an Fair Squared schicken. Das Unternehmen lässt die Gläser reinigen und verwendet sie wieder. "Das ist nicht nur eine gute Idee von uns, das entsteht auch aus den Anfragen von Kunden", sagt Oliver Gothe, Gründer und Geschäftsführer von Fair Squared. Die Umstellung auf Glas sei aber nur ein Zwischenschritt: Auf lange Sicht wollten sie Verpackungen aus Naturkautschuk herstellen, einem nachwachsenden, abbaubaren Rohstoff. Andere Unternehmen experimentieren ebenfalls mit Verpackungen aus natürlichen Ersatzmaterialien, sogenannten Biokunststoffen.

Verpackungsfreie Supermärkte sind noch radikaler: Bei ihnen stehen überhaupt keine Einwegverpackungen in den Regalen. Statt in einzeln verpackten Portionen gibt es Nudeln, Müsli und Reinigungsmittel in großen Spendern, die Kundinnen und Kunden können sich die Menge abfüllen, die sie brauchen – entweder in einen mitgebrachten Behälter, oder in eine Mehrwegverpackung, die es vor Ort gibt.

Komplett ohne Verpackungen funktionieren die Läden nicht, schließlich müssen die Produkte irgendwie eingekauft und angeliefert werden. Aber die Menge wird reduziert: Lebensmittel bekämen sie in Großgebinden von fünf bis 25 Kilogramm, der Großteil der Verpackungen sei recyclingfähig, sagt Ria Schäfli von Original Unverpackt aus Berlin, einem der ältesten und inzwischen bekanntesten verpackungsfreien Supermärkte. Manches würden sie sogar schon in wiederverwendbaren Gefäßen einkaufen, die die Hersteller zurücknehmen und wieder auffüllen.

Verpackungsfreie Supermärkte sind Mehrwegsysteme auf höchstem Niveau. Seit Original Unverpackt im September 2014 zum ersten Mal seine Ladentür öffnete, sind weitere Läden entstanden. Inzwischen gebe es in Deutschland etwa 80 Stück, schätzt Schäfli. Das ist gut, aber im Vergleich zu den Tausenden Filialen, die allein Aldi in Deutschland hat, fast nichts. Gerade auf dem Land gibt es oft keine Unverpackt-Läden, das sagt Schäfli selbst.

Doch auch große Supermärkte experimentieren mit Mehrweg, wenn auch auf niedrigerem Niveau. Im vergangenen Sommer führte Edeka in einem Markt in Büsum testweise ein Mehrwegsystem an der Frischetheke ein: Kundinnen können ihre Wurst oder ihren Käse in einer Frischhaltedose kaufen und die beim nächsten Einkauf zurückbringen. Bei der Biosupermarktkette Bio Company gibt es ein solches Mehrwegsystem an der Frischetheke seit Dezember sogar in allen Filialen. Kunden können entweder eigene Dosen mitbringen oder sie vor Ort kaufen.

Der Deich war bunt gesprenkelt wie eine Blumenwiese von dem ganzen Plastik.
Jennifer Timrott von Küste gegen Plastik

Dass große Konzerne irgendwann noch mehr auf Plastik verzichten, auch über die Fleischtheke hinaus, daran arbeitet Jennifer Timrott, die mal Krankenschwester war, jetzt Künstlerin ist und irgendwann zur Aktivistin wurde. Das war im Winter 2013, da wurde ihr "das Problem vor die Füße gekotzt", so sagt Timrott es selbst. Sie wohnte gerade auf Hallig Hooge im Wattenmeer, das kurz nacheinander von zwei Sturmfluten überschwemmt wurde: erst Christian, dann Xaver. Mit dem Wasser kam das Plastik: 226 Flaschendeckel auf 150 Schritten, Puppenbeine, Badelatschen, Putzmittelflaschen. "Der Deich war bunt gesprenkelt wie eine Blumenwiese von dem ganzen Plastik", sagt Timrott.

Sie wollte etwas tun und gründete Küste gegen Plastik. Vor einem Jahr hat der Verein Replace Plastic gelauncht, eine App, mit der Menschen Unternehmen darauf hinweisen können, dass sie sich für ein bestimmtes Produkt eine plastikfreie Verpackung wünschen. Das funktioniert so: Man scannt mit dem Smartphone den Barcode des Produkts und generiert damit eine Nachricht, die landet erst mal in einer Art Speicher. Sobald 20 Menschen das gleiche Produkt gescannt haben oder vier Wochen verstrichen sind, wird die Nachricht automatisiert an das Unternehmen weitergeleitet.

Bisher habe es über 200.000 Produkteinsendungen gegeben, momentan kämen täglich etwa 1.000 neue dazu, sagt Timrott. "Das hat uns ziemlich überrollt." Die Beteiligung zeige, dass eine oft verwendete Ausrede von Unternehmen eben nicht stimme, nämlich dass Kundinnen Plastikverpackungen wollten – im Gegenteil. Es sei wichtig, dieses Feedback an die Hersteller und Anbieter weiterzuleiten, damit sie etwas verändern, sagt Timrott. Manchmal entwickele sich ein Gespräch mit den Unternehmen, zwei seien für Müllsammelaktionen an die Nordsee gekommen.

Die Replace-Plastic-App ist eine kleine Initiative, genau wie die Papiertüten von Alb-Gold, die Glastiegel von Fair Squared und die verpackungsfreien Supermärkte und Fleischtheken. Solange nicht die Mehrheit der Unternehmen, auch der großen Konzerne, und die Mehrheit der Menschen mitmacht, werden solche Initiativen nicht viel verändern, oder zumindest nicht so viel, wie notwendig wäre. Um das Problem flächendeckend anzugehen, bräuchte es doch Gesetze. Und die müssten auch berücksichtigen, dass alle Plastikfreiheit nichts bringt, wenn dafür bei der Herstellung oder beim Transport von Verpackungen große Mengen CO2 produziert werden, die wieder für andere Umweltprobleme sorgen. Und dass Verpackungen nicht die einzige Baustelle sind, an der gearbeitet werden muss: Mikroplastik, zum Beispiel aus dem Abrieb von Reifen und Textilien oder aus Kosmetika, ist ein mindestens genauso großes Problem, und unsichtbar.