ZEIT ONLINE: Was passiert mit mir, wenn ich nach, sagen wir, drei Jahren wieder rauskomme?

Patzak: Das kommt drauf an, wie Sie sich geführt haben, also wie Sie sich während Ihrer Haftzeit benommen haben und wie Ihre Lebensumstände aussehen. Alle Gefangenen werden vor ihrer Freilassung vom Sozialdienst betreut. Wenn Sie draußen obdachlos sind, keine "sozialen Empfangsräume" haben, wenn Sie keine Arbeit und auch keine Perspektive auf Arbeit haben, werden wir Sie aber intensiver betreuen, als jemanden, der draußen eine Familie hat, die auf ihn wartet und einen Arbeitsplatz, an den er zurückkehren kann. Im ersten Fall ist der Sozialarbeiter mehr gefordert. Da schauen wir etwa, ob wir helfen können, im Vorfeld eine Wohnung zu finden. Die Menschen mit vorhandenen Empfangsräumen brauchen weniger Betreuung, da schauen wir eher, ob wir zum Beispiel bei der Schuldenregulierung helfen können. Schon am ersten Tag im Gefängnis bekommen unsere Gefangenen eine Mappe, in der eine Checkliste mit den notwendigen Schritten enthalten ist: Pass, Wohnung, Entlassungsdokumente. Jeder Gefangene muss sich auch selbst darum kümmern, die nötigen Schritte zu gehen.

ZEIT ONLINE: Kriminalitätsforscher und Strafvollzugsexperten sprechen vom Gefängnis als einer "Schule der Gewalt". Was bedeutet das?

Patzak: In jeder JVA gibt es kriminelle Kreise, die die Umstände und die Verletzlichkeit von Leuten nutzen, um sie körperlich zu attackieren, zu erpressen oder Geschäfte zu machen. Wir tun alles, um das zu verhindern, aber wir haben Menschen hier, die den ganzen Tag Zeit haben, zu überlegen, wie man das System austricksen kann. So haben wir natürlich auch Drogen hier drin. Ich werde oft gefragt, wie es sein kann, dass es Drogen im Knast gibt. Die eigentliche Frage ist aber: Wie können Drogen nicht im Knast sein? Wie sollten wir das verhindern? Solange Menschen Körperöffnungen zum Schmuggeln nutzen, werden Drogen im Gefängnis sein!

ZEIT ONLINE: Warum ist das Ihrer Meinung nach die wichtigere Frage? 

Patzak: Eine Haftstrafe findet im Spannungsfeld von Resozialisierung und Sicherheit statt. Je mehr Freiheiten wir gestatten, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Resozialisierung. Unser Ziel ist es, Täter wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Alles, was wir hier im Gefängnis für die Resozialisierung der Gefangenen tun, öffnet aber auch wieder das Einfallstor für kriminelle Machenschaften. Zum Beispiel die Menschen bei Ausgängen nach Hause gehen zu lassen, damit sie möglichst viel Kontakt zur Familie haben. Dabei können wieder Drogen eingeschmuggelt werden. Die einzige Möglichkeit, Drogen aus dem Gefängnis zu halten, wären zehn Meter hohe Mauern, mit einem Deckel obendrauf, und sie lassen niemanden mehr rein oder raus. Aber die Insassen aus so einem Gefängnis wären für die Gesellschaft verloren. So kann man niemanden resozialisieren. Das sollte jedem klar sein.

Je mehr Freiheiten wir gestatten, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Resozialisierung.
Gefängnisdirektor Jörn Patzak

ZEIT ONLINE: Wenn wir akzeptieren müssen, dass es Drogen und Gewalt im Gefängnis gibt, scheint das Gefängnis nicht der beste Ort für Straftäter zu sein. Warum sperren wir trotzdem ein?

Patzak: Warum bestrafen wir überhaupt? Ein Aspekt ist Resozialisierung, ein zweiter Aspekt ist die Generalprävention als Abschreckung. Wenn wir keine Gefängnisse hätten, wäre die Wahrscheinlichkeit größer, dass sich Menschen nicht ans Gesetz halten, da sie keine spürbaren Sanktionen zu erwarten haben. Der dritte Grund ist Sühne und Vergeltung. Fragen Sie im Gerichtssaal mal die Eltern eines Kindes, das von einem Betrunkenen totgefahren wurde, ob es denen wichtig ist, dass der Täter resozialisiert wird. Die wollen, dass der Täter hart bestraft wird. Je nachdem, wer welche Straftat begangen hat, variieren diese Strafgründe. Um dem gerecht zu werden, brauchen wir das Gefängnis.

ZEIT ONLINE: Der Strafrechtsexperte Bernd Maelicke ist davon überzeugt, dass etwa die Hälfte der rund 60.000 Menschen, die derzeit in deutschen Gefängnissen inhaftiert sind, da nicht hingehört.

Patzak: Wenn es zum Beispiel um die Ersatzfreiheitsstrafe geht, sehe ich das ähnlich. Wenn ein Mensch zum Beispiel wegen eines Bagatelldelikts zu dreißig Tagessätzen verurteilt wurde und nicht bezahlt, dann kommt der für einen Monat zu uns in Gefängnis. Mit dem machen wir hier nichts. Was soll ich denn in dreißig Tagen bei dem resozialisieren? Das wollte der Richter auch nicht. Der hat ja gar keine Freiheitsstrafe verhängt, sondern absichtlich nur eine Geldstrafe. Wenn Geldstrafen aber nicht mehr mit Ersatzfreiheitsstrafen vergolten werden können, was machen wir dann? Fiele die Ersatzfreiheitsstrafe weg, würde ja niemand mehr seine Geldstrafen bezahlen. Deswegen ist es immer noch das beste Mittel, um die Leute dazu zu bekommen, die Geldstrafe zu bezahlen.

ZEIT ONLINE: Auch bei Ihnen im Gefängnis gibt es Probleme. Seit 2014 gibt es in der JVA Wittlich einen Anstieg der Gewalt unter den Häftlingen. Warum ist das so?

Patzak: Schwer zu sagen, aber ich glaube, das liegt am gestiegenen Drogenkonsum. Im Vollzug haben wir viele Menschen, die sich durch Drogenkonsum erhebliche psychische Störungen zugezogen haben, die oftmals Auslöser für Gewalthandlungen uns gegenüber sind.