Es gibt ein Wort für alle, die sich schlecht fühlen, weil sie einen Flug gebucht haben. Es heißt: Flugscham. Was kann man gegen dieses Gefühl tun? Eine Möglichkeit wäre: nicht fliegen. Eine andere: eine Wiedergutmachung leisten.

Die Zahl der Menschen, die Geld spenden, um die verursachten Treibhausgase auszugleichen, wächst. 40 Prozent mehr Spenden als im Vorjahr gingen 2018 bei der Klimaschutzorganisation Atmosfair ein: Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen zahlten insgesamt 9,5 Millionen Euro an Atmosfair, um beim Reisen verursachte Treibhausgase zu kompensieren. Das nennt man CO2-Kompensation. Doch ist das eine sinnvolle Maßnahme, um die ökologischen Folgen einer Geschäftsreise nach Zürich und eines Karibik-Urlaubs abzumildern? Oder beruhigt so eine Spende nur oberflächlich das Gewissen, ohne dem Klima wirklich zu helfen? Wir erklären, wie die Kompensation funktioniert und was es bringt.

Was ist CO2-Kompensation?

Für die Menge CO2, die zum Beispiel durch eine Flugreise ausgestoßen wird, soll an anderer Stelle genauso viel CO2 eingespart werden — das ist die Idee der CO2-Kompensation. Es gibt zahlreiche Anbieter, zum Beispiel die NGO Atmosfair oder die Stiftung myclimate. Auf den Websites der Anbieter lässt sich berechnen, wie viele Treibhausgase durch zum Beispiel die letzte Flugreise ausgestoßen wurden und wie viel es kosten würde, diese Treibhausgase an anderer Stelle einzusparen. Den Betrag kann man auf den Websites der Kompensationsanbieter direkt spenden. Diese Spenden, genannt Kompensationen, finanzieren Klimaprojekte in der ganzen Welt, mit denen Emissionen vermieden oder Treibhausgase aus der Atmosphäre gebunden werden sollen.

Spenden kann man manchmal auch direkt bei der Buchung eines Flugs, da manche Airlines mit einem Kompensationsanbieter zusammenarbeiten. Aber nicht nur Flüge, sondern zum Beispiel auch Kreuzfahrten oder gleich der gesamte ökologische Fußabdruck können mit CO2-Kompensationen ausgeglichen werden. Auch Unternehmen können für ihre Produktion oder die Flugreisen ihrer Mitarbeiter kompensieren. Wichtig ist: Ein Flug oder eine Kreuzfahrt an sich werden durch die CO2-Kompensation nicht weniger schädlich fürs Klima.

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Wie viel kostet es, einen Flug zu kompensieren?

Die Preise der verschiedenen Anbieter unterscheiden sich teils deutlich. Um eine Tonne ausgestoßenes CO2 zu kompensieren, zahlt man nach einem Vergleich von ZEIT ONLINE derzeit zwischen 15€ und 23€. Da es je nach Klimaprojekt unterschiedlich viel kostet, eine Tonne CO2 einzusparen, berechnen die Anbieter meistens einen Durchschnittspreis, um verschiedene Projekte umzusetzen.

Für einen Flug von Düsseldorf nach New York und zurück zahlt man je nach Anbieter aktuell zwischen 54€ und 66€. Für diese Preisschwankung gibt es einen weiteren Grund: Die Anbieter veranschlagen nicht nur unterschiedlich viel Geld pro Tonne CO2, bei der Berechnung der Emissionen eines Fluges kommen sie außerdem auf unterschiedliche Ergebnisse — je nachdem ob Faktoren wie Nicht-CO2-Effekte, Flughöhe, Sitzplatzkategorie und Zwischenlandungen einbezogen werden.

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Ist Kompensieren sinnvoll?

Auch wer seinen Flug kompensiert, schadet dem Klima: Einmal von Düsseldorf nach Los Angeles stößt pro Person mehr Treibhausgase aus, als man durchschnittlich mit einem Jahr Autofahren verursacht — und zwar allein auf dem Hinflug. Wer wirklich etwas für den Klimaschutz tun will, muss also aufhören zu fliegen. Emissionen komplett zu vermeiden, ist stets die beste Lösung: Statt einer Dienstreise reicht womöglich auch eine Videokonferenz. Die zweitbeste Lösung ist, die Emissionen zu verringern: Von Hamburg nach München dauert die Fahrt mit der Bahn nicht viel länger als der Flug und zwei Wochen Urlaub kann man vielleicht auch in Italien statt in Thailand verbringen. Kompensieren ist erst die drittbeste Lösung.


Trotzdem gilt: Fliegen mit Kompensation ist immer noch besser für das Klima als Fliegen ohne Kompensation. Denn die Spenden werden in der Regel sinnvoll eingesetzt. Und wer seinen Flug kompensiert, führt sich so noch einmal vor Augen, dass der Preis des Fliegens über die Kosten des Tickets hinausgeht.

Wer durch die Kompensation mit ruhigem Gewissen noch öfter ins Flugzeug steigt, als er es ohnehin getan hätte, schadet dem Klima allerdings mehr, als dass er es schützt.  "Wenn ich CO2-Kompensationen nutze, um mich nicht zu ändern, kann das den Effekt auch mindern", sagt Lambert Schneider, der am Öko-Institut in Berlin zur internationalen Klimapolitik forscht. Noch problematischer ist es, wenn Unternehmen CO2-Kompensationen nutzen, um sich nach außen umweltfreundlich zu präsentieren, ohne eine eigene Klimastrategie zu entwickeln, bei der sie zum Beispiel Emissionen bei der Produktion oder den Dienstreisen ihrer Mitarbeiter reduzieren.

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Welche Projekte zum CO2-Ausgleich gibt es?

Bei CO2-Kompensationen denken viele an "Bäume pflanzen". Die meisten Projekte setzen allerdings nicht darauf, ausgestoßenes CO2 wieder zu binden (wie es Bäume tun), sondern sollen CO2 einsparen. Dafür werden zum Beispiel klimafreundliche Öfen in Ruanda installiert oder Windkraftanlagen in Taiwan aufgebaut. Es gibt auch Projekte in Schulen, bei denen Schülerinnen und Schüler lernen, wie sie umweltfreundlicher handeln können. Viele der Initiativen hinter den Projekten bemühen sich nicht nur darum, Treibhausgase einzusparen, sondern versuchen, gerade im Globalen Süden, zusätzlich die Lebensbedingungen der Bevölkerung zu verbessern.

Tatsächlich gibt es auch Projekte, die gezielt durch Pflanzen CO2 binden, zum Beispiel, indem sie Regenwälder aufforsten oder Waldstücke aufkaufen und so deren Abholzung aufhalten. Mit demselben Ziel bewässern in Deutschland Initiativen heimische Moore, da diese besonders effektiv Kohlenstoff speichern.

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Welche Projekte sind sinnvoll, welche nicht?

Besonders Projekte, die verhindern sollen, dass Regenwälder abgeholzt werden, werden kontrovers diskutiert. Denn ob deshalb weniger Wald verschwindet, lässt sich kaum prüfen: Mancherorts verlagert sich die Abholzung nur an eine andere Stelle, in anderen Fällen werden die Flächen nach Jahren doch weiterverkauft oder sie brennen ab und geben so das gebundene CO2 wieder frei.

Aber auch ein zweifellos nachhaltiges Klimaprojekt ist nur dann zum CO2-Ausgleich sinnvoll, wenn die Kompensationen das Projekt überhaupt erst ermöglichen. Eine Spende an ein Windkraftwerk in Indien, das auch ohne diese Unterstützung gebaut worden wäre, spart keine Treibhausgase ein. Doch bei vielen Projekten ist es schwierig zu überprüfen, ob sie auch ohne die Kompensation durchgeführt worden wären.

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Warum werden so viele Projekte im Globalen Süden durchgeführt?

Es gibt mehrere Gründe dafür, dass die Klimaprojekte vor allem im Globalen Süden angesiedelt sind. Erstens sollen die Projekte gerade ärmere Länder dabei unterstützen, erneuerbare Energien aufzubauen. Viele Projekte wirken dabei über die Emissionsreduktion hinaus und helfen armen Menschen auch in ihrem Alltag. Zweitens können Einsparungen von Emissionen im Globalen Süden oft deutlich günstiger realisiert werden, da gewisse Technologien noch nicht etabliert wurden. Ein dritter Grund ist, dass sich unter dem Kyoto-Protokoll nur Industrienationen zu eigenen Klimazielen verpflichtet hatten. Für viele Länder im Globalen Süden gibt es also bislang noch keine politische Strategie, um Emissionen zu mindern. Daher ist die Kompensation dort besonders wirkungsvoll. Mittlerweile haben sich unter dem Paris-Abkommen mehr Länder verbindliche Ziele gesetzt, diese wirken aber erst ab 2020. 

Kompensationskritiker bemängeln trotzdem, dass sich die Anstrengungen auf den Globalen Süden konzentrieren: Seit der industriellen Revolution wurde die Hälfte aller globalen CO2-Emissionen in Europa und den USA ausgestoßen. Eingespart werden muss also nicht auch, sondern vor allem im Globalen Norden.

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Wie wird kontrolliert, ob Klimaprojekte CO2 einsparen?

Es gibt eine Reihe von Standards und Gütesiegeln, nach denen Klimaprojekte bewertet werden. Die meisten Kompensationsanbieter investieren nur in Klimaprojekte, die durch unabhängige Prüfer kontrolliert werden und durch den Clean Development Mechanism (CDM) der UN und den WWF Gold Standard zertifiziert sind. Der Gold Standard bescheinigt, dass ein Projekt nicht nur ökologisch, sondern auch sozial nachhaltig ist: Wenn beispielsweise eine Familie einen klimafreundlichen Ofen bekommt, atmen die Familienmitglieder beim Kochen auch weniger Schadstoffe ein. Einige Anbieter von CO2-Kompensation überprüfen außerdem auch bei bereits zertifizierten Klimaprojekten noch einmal selbst, ob die Projekte ihren Ansprüchen genügen.

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Worauf sollte man bei der Auswahl eines Anbieters von CO2-Kompensationen achten?

"Seriöse Kompensationsdienstleis­ter raten ihrer Kundschaft, Emissionen möglichst zu vermeiden oder wenigstens zu vermindern bevor sie kompensiert werden", rät das Umweltbundesamt. Darüber hinaus solle man insbesondere darauf achten, nach welchen Qualitätsstandards ein Anbieter Klimaprojekte auswählt und ob er seine Arbeitsweise und seine Kontrollmechanismen verständlich erklärt.

"Die wesentliche Frage ist, ob ein Zertifikat über eine Tonne CO2-Einsparung auch wirklich eine Tonne einspart", sagt Lambert Schneider vom Öko-Institut. Insbesondere sollten die Anbieter deshalb erkennbar machen, wie sie überprüfen, ob die geförderten Projekte ohne Kompensation nicht stattgefunden hätten.

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Wie viel bringt Kompensation im Kampf gegen den Klimawandel?

Weil im Kampf gegen den Klimawandel jeder Schritt zählt, ist Kompensation sinnvoll. Doch individuelle Maßnahmen wie CO2-Ausgleich, Verzicht auf Fleisch, Fliegen und Autofahren können gesamtgesellschaftliche Maßnahmen nicht ersetzen. Selbst wenn mit CO2-Kompensation alle Emissionen im Globalen Süden verhindert würden, würde das nicht ausreichen, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, wie es das Pariser Klimaabkommens vorsieht.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die Treibhausgasemissionen auch in Deutschland drastisch gesenkt werden: bis 2050 um rund 80 bis 95 Prozent gegenüber 1990, heißt es im Klimaschutzplan 2050 der vorherigen Bundesregierung. Große Einsparungen sind vor allem bei den fossilen Energien, in der Industrie, der Gebäudewirtschaft und beim Verkehr nötig. Allein werden CO2-Kompensationen die Erderwärmung in keinem Fall aufhalten.

Korrektur: In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass Lambert Schneider zur deutschen Delegation bei den internationalen Klimaverhandlungen gehöre. Formell gehört er dort jedoch zur belgischen Delegation und berät das EU-Team.

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