Fast 17 Millionen Menschen sterben jedes Jahr an Krankheiten und Infektionen, die chirurgisch behandelt werden könnten. Das sind mehr Tote als durch HIV, Malaria und Tuberkulose zusammen. Eine wachsende Gruppe von Medizinforschern, angeführt von Harvardprofessor John G. Meara, setzt sich deshalb für das neue Feld Global Surgery (auf Deutsch: globale Chirurgie) ein. Magdalena Gründl, 27, ist angehende Kinderchirurgin an der TU München. Sie hat als Fellow in Harvard geforscht und die German Global Surgery Alliance gegründet. Damit will die junge Medizinstudentin aus dem oberpfälzischen 1000-Seelen-Dorf Pösing Millionen Leben retten.

ZEIT ONLINE: Wie kamen Sie auf das neue Thema globale Chirurgie?

Magdalena Gründl: Ich war direkt nach dem Abi unter anderem in Vietnam und einem abgelegenen Bergkrankenhaus in Tansania. Dort habe ich erlebt, wie ein kleines Mädchen an einer Blinddarmentzündung starb. Das ist etwas, woran in westlichen Industrieländern eigentlich kaum noch jemand stirbt. Das hat mich zum Nachdenken gebracht: Was nützt es, wenn alle gegen Polio geimpft sind, aber dann an ihrem Blinddarm oder einem Beinbruch sterben? Das war vor zehn Jahren, da gab es den Begriff globale Chirurgie noch nicht, aber ich habe dann alles über das Thema gelesen, was ich finden konnte.

ZEIT ONLINE: Welche Dimension hat das Problem?

Gründl: Fünf Milliarden Menschen auf der Welt haben keinen Zugang zu sicheren Operationen. 16,9 Millionen Menschen sterben jedes Jahr an Krankheiten und Infektionen, die chirurgisch behandelt werden könnten. Das sind mehr Tote als durch HIV, Malaria und Tuberkulose zusammen. In Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen fehlen pro Jahr mehr als 140 Millionen Operationen. Wenn man nicht nur die Sterberaten miteinbezieht, sondern auch, dass ein gebrochener Arm oft bedeutet, dass ein Bauer seine Familie nicht mehr ernähren kann, sieht man schnell, dass das Thema mehr Aufmerksamkeit und Ressourcen braucht. Trotzdem hat die Weltgesundheitsorganisation die globale Chirurgie erst vor vier Jahren in die Agenda aufgenommen.

ZEIT ONLINE: Trotz der Dimension wird zur globalen Chirurgie bisher in Europa kaum geforscht.

Gründl: In den USA wächst das Interesse immer stärker, deshalb habe ich in Harvard dazu geforscht. Unser Fokus liegt im Augenblick darauf, Daten zu sammeln. Denn die internationalen Gesundheitsorganisationen, die Regierungen und auch die NGOs konzentrieren sich auf Infektionskrankheiten. Es wäre natürlich toll, wenn wir HIV und Malaria besiegen könnten, aber währenddessen sterben mehr Menschen an vermeidbaren Folgen von Wundinfektionen und Brüchen.

ZEIT ONLINE: Es gibt den Spruch: Ein Dollar in der Prävention bringt mehr als ein Dollar in der kurativen Medizin. Stimmt der etwa nicht?

Gründl: Ich würde niemals das eine gegen das andere ausspielen. Wir brauchen beides. Den Anstoß gab vor etwa zehn Jahren der amerikanische Anthropologe und Arzt Paul Farmer, der vor allem in Haiti und Ruanda arbeitet. Er war anfangs prägend für diese Forschungsrichtung, weil er erlebte, wie Menschen gegen Malaria oder HIV behandelt wurden und dann an einem Autounfall starben, weil der einfachste chirurgische Eingriff nicht gewährleistet werden konnte. John Meara in Harvard hat globale Chirurgie dann vor knapp fünf Jahren als Fachrichtung etabliert.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie jemandem, der den Begriff globale Chirurgie noch nie gehört hat, was das ist?

Gründl: Globale Chirurgie bedeutet einfach, dass Menschen adäquaten Zugang zu sicherer Chirurgie haben, die sie sich leisten können. Das sagt sich leicht, aber das ist natürlich ein sehr hochgestecktes Ziel. Andererseits ist es auch nicht ambitionierter, als bestimmte Krankheiten auszurotten. Es ist nicht unmöglich. Es ist machbar. Früher sprachen manche auch von Tropenchirurgie. Aber mir ist wichtig, dass es globale Chirurgie heißt, weil der Begriff Tropenchirurgie so kolonial behaftet ist. Das geht schlicht nicht mehr.

ZEIT ONLINE: Andererseits ist es viel einfacher, eine Million Menschen zu impfen als zu operieren. Impfen kann fast jeder, operieren nicht.

Gründl: Ja und nein. Die allerhäufigste Operation ist der Kaiserschnitt, ebenfalls wichtig ist die operative Versorgung nach Verkehrsunsfällen und schweren Verletzungen mit offenen Wunden. Das sind alles Dinge, die in armen Ländern oft Allgemeinärzte leisten; da macht ein Arzt eben alles, auch wenn er eigentlich kein Chirurg ist. Natürlich ist das komplexer als Impfen. Aber wir reden eher nicht über die neunstündige Herzoperation, sondern über Techniken, die schon gut erforscht und bekannt sind. Im Gegensatz zu vielen Infektionskrankheiten muss man für die Chirurgie keine neuen Medikamente erfinden. Die Problematik ist bekannt, und wie man sie beheben kann, eigentlich auch. Jetzt geht es um die Finanzierungsmöglichkeiten.