Wer Essen aus den Mülleimern von Supermärkten fischt, macht sich strafbar – wegen Diebstahls und Hausfriedensbruchs. Der Hamburger Justizsenator Till Steffen möchte das ändern und hat am vergangenen Freitag einen entsprechenden Antrag für die Justizministerkonferenz vorbereitet. Noch mehr Lebensmittel werfen allerdings die Verbraucher weg. Was kann man gegen die Verschwendung tun? Wir haben nachgefragt: bei Wissenschaftlern, Aktivistinnen, dem Handel, Gastronomen und Verbraucherschutz.

"Strafrecht sollte immer das letzte Mittel sein"

Till Steffen (Die Grünen) ist Justizsenator in Hamburg und hat die Debatte angestoßen. Er geht davon aus, dass sein Antrag auf der Justizministerkonferenz durchgehen wird.

"Containern muss legalisiert werden. Es kann nicht sein, dass Menschen vor Gericht stehen, weil sie brauchbare Lebensmittel vor der Vernichtung gerettet haben. Das Strafrecht sollte immer das letzte Mittel sein. Deshalb habe ich einen entsprechenden Antrag für die Konferenz der Justizminister der Bundesländer gestellt. Wenn Menschen beim Containern Schlösser beschädigen, ist das natürlich weiterhin Sachbeschädigung, viele Supermärkte bringen solche Sicherungen aber erst gar nicht an. Wer an diese ungesicherten Container geht, muss allerdings selbst entscheiden, was er für essbar hält. Die Verantwortung dafür, dass die Lebensmittel genießbar sind, tragen die Supermärkte nur so lange, wie sie die Ware verkaufen.

Das Thema Lebensmittelverschwendung ist natürlich größer, auch private Haushalte können etwas dagegen tun. Vonseiten der Justiz wollen wir aber zumindest die Regelung zum Containern ändern. Noch besser wäre es, wenn die Lebensmittel gar nicht erst in den Containern landen würden, sondern die Läden noch enger mit den Tafeln zusammenarbeiten würden. In Frankreich sind große Supermärkte dazu verpflichtet, brauchbares Essen an gemeinnützige Organisationen abzugeben. Für kleinere Betriebe und jedes einzelne Lebensmittel wird das aber nicht möglich sein. Deswegen brauchen wir in jedem Fall die Entkriminalisierung des Containerns."

"Es fehlt an Dankbarkeit, dass wir überhaupt Lebensmittel haben"

Caro und Franzi wurden vor einem Jahr in der Nähe von München beim Containern erwischt. Im Januar verurteilte sie das Amtsgericht Fürstenfeldbruck wegen schweren Diebstahls zu einer Geldstrafe auf Bewährung. Sie hoffen auf einen Freispruch in zweiter Instanz. 

"Viel schlimmer als Lebensmittel aus Mülleimern zu retten, finden wir, dass sie überhaupt dort landen. Es kann nicht sein, dass jeden Tag haufenweise Lebensmittel weggeworfen werden. Wir haben containert, weil wir Aufmerksamkeit für dieses Problem schaffen wollten. Eine Entkriminalisierung wäre ein großer Erfolg für uns und alle anderen, die wegen Containern angezeigt und verurteilt wurden. Gleichzeitig würde es aber auch zeigen, dass sich der Fokus verschiebt: Denn ein ganzes System ist verantwortlich dafür, dass so viel Essen weggeworfen wird.

Es fehlt an Bewusstsein und an Dankbarkeit, dass wir überhaupt Lebensmittel haben. Wir fordern nicht nur eine Entkriminalisierung von Containern, sondern einen Wegwerfstopp für Supermärkte, wie es das zum Beispiel in Frankreich gibt. Die Lebensmittel müssten weiterverteilt werden an die Tafeln und andere Strukturen, die man für diesen Zweck aufbaut."

"In allen europäischen Ländern sollte es ein Gesetz geben wie das in Frankreich"

Arash Derambarsh ist Anwalt in Frankreich. Er hat 2015 dafür gesorgt, dass Supermärkte, die noch essbare Lebensmittel wegwerfen, bestraft werden – als erstes Land weltweit. 

"Als Student habe ich im Monat nur 800 Euro verdient, die Hälfte davon ging für meine Miete drauf. Zu sehen, wie Supermärkte genießbares Essen weggeschmissen haben, hat mich wütend gemacht. Einige Jahre später wollte ich etwas dagegen tun: Als Stadtrat von Courbevoie, einer Gemeinde im Nordwesten Paris, habe ich 2015 eine Onlinepetition für ein Gesetz gestartet, das den Supermärkten verbietet, noch essbare Lebensmittel in den Müll zu schmeißen. Die Lebensmittel sollten stattdessen an Organisationen wie die Tafel gespendet werden müssen. 

Vier Monate später wurde das Gesetz beschlossen. 22 Prozent mehr Lebensmittel erhalten die Tafeln seitdem. Das sind mehr als zehn Millionen Mahlzeiten pro Jahr. Wenn Supermärkte trotzdem einfach Lebensmittel wegwerfen, müssen sie 3.750 Euro Strafe zahlen. 

Alles was dabei hilft, die Verschwendung von Lebensmitteln zu reduzieren, ist gut. Allerdings glaube ich, dass die Lebensmittelverschwendung nur gestoppt werden kann, wenn es Regeln für Supermärkte gibt. Sie kontrollieren den Großteil der Lebensmittelverteilung und setzen die Preise. In allen europäischen Ländern sollte es so ein Gesetz geben wie das in Frankreich."