Der erste Schock war allein schon groß genug. Im Jahr 2011 erlitt Ekkehard Eichler, Chemiker im Ruhestand aus dem Berliner Umland, einen Herzinfarkt. Er kam ins Krankenhaus, musste ins künstliche Koma, schließlich legten die Ärzte in einer Not-OP vier Bypässe. "Das hat mir damals den Kragen gerettet", sagt Eichler. Aber bei der Operation marschierte ein besonders gefährlicher Stamm des Bakteriums Staphylococcus aureus in Eichlers Körper, ein Krankenhauskeim, so gut angepasst an das Klinikumfeld, dass er inzwischen viele Antibiotika überlebt. Eichlers Herz schlug, aber die beiden Narben auf der Brust wollten sich nicht schließen, die Bakterien hielten sie offen. Tagelang. Wochenlang. Jahrelang. Das war der zweite Schock.

Seit der Keim in den Bypasswunden lebt, war Eichler gut ein halbes Dutzend Mal im Krankenhaus, jeweils mehrere Wochen am Stück. Die Ärzte pumpten die Wunden aus und gaben Eichler Meropenem, eine Antibiotika-Infusion, die am Tropf in seinen Arm floss. Immer von Neuem: Gut 30 Operationen, sagt Eichler, habe er seither über sich ergehen lassen müssen, immer in Vollnarkose, immer strapaziös. "Man sieht das ja alles ein", sagt er. "Wenn es bloß helfen würde." Die moderne Hochleistungsmedizin schien den Staphylokokken kaum etwas anhaben zu können. Es dauerte nie lange, da waren die Keime zurück.

Im vergangenen Jahr, als Eichler wieder einmal im Krankenhaus lag, machte der Oberarzt ihm einen radikalen Vorschlag: Um den Keim endgültig loszuwerden, wollte er Eichler das Brustbein herausnehmen, am besten vereinbare man gleich schon einen Termin für die Operation. Der Arzt drückte dem Rentner eine Beschreibung des Eingriffs in die Hand, eine Anleitung verfasst für Chirurgen. "Das war gut, dass er mir das gegeben hatte", sagt Eichler. Die Schilderung eines Loches in Brust und frei baumelnden Rippen schreckte den heute 74-Jährigen so sehr ab, dass er nach einer anderen Lösung im Kampf gegen die Keime suchte. Er fand sie in Tiflis, Georgien, 2.642 Kilometer Luftlinie von seiner Brandenburger Heimat entfernt.

Es wäre ein Comeback der Virentherapie

Tiflis hat sich in jüngster Zeit zu einem Wallfahrtsort für viele entwickelt, denen die moderne westliche Antibiotika-Medizin nicht mehr zu helfen vermag. Die Art, wie man in Georgien zu heilen verspricht, klingt zunächst eigentümlich. Den infizierten Patienten infizieren die Ärzte noch einmal – mit Viren. Aber die Viren, die sie verabreichen, machen nicht den Menschen krank. Sie sollen die Bakterien dahinraffen. Viele Wissenschaftlerinnen äußern sich zwar zurückhaltend über den Ansatz, zu groß sind noch die Lücken in der Forschung. Und doch sind die Hoffnungen groß: Können wir so auch in Deutschland bald Infektionen behandeln, gegen die unsere Antibiotika wirkungslos zu werden drohen? Haben die Georgier eine Lösung für eine der großen Krisen der heutigen Medizin?

Es wäre ein Comeback, denn die Virentherapie wurde schon entwickelt, bevor die Antibiotika auf den Markt kamen. Nur hat man sie lange vergessen. Während des Ersten Weltkrieges arbeitete der französisch-kanadische Mikrobiologe Felix d’Hérelle in Paris mit Bakterien, die er von an der Ruhr erkrankten Soldaten bekommen hatte. Im Jahr 1917 stieß er darauf, dass der Krankheitserreger offenbar einen natürlichen Feind hatte – eine spezielle Art der Viren, die d’Hérelle Bakteriophagen taufte. Bakterienfresser. Wenig später behandelte er die ersten Patienten mit Phagen.

Das Bakterium wird zur Phagenfabrik

Viren sind nicht in der Lage, sich eigenständig zu vermehren. Sie benötigen dafür einen Wirt. Sie müssen einen anderen Organismus kapern, in den sie ihr Erbgut einschleusen. Die Grippeviren sind zum Beispiel auf die Zellen spezialisiert, die unsere Atemwege auskleiden. Einige Herpesviren nutzen unsere Hautzellen, um sich zu vermehren. Ein Teil der weißen Blutkörperchen ist wiederum der Wirt des für Aids verantwortlichen HI-Virus. Eine Phage injiziert ihre DNA dagegen nicht in unsere Körperzellen, sondern in ein Bakterium und programmiert es so gewissermaßen um: Die Bakterie produziert keine Proteine für sich selbst, sondern neue Phagen. Bis das Bakterium voller Phagen ist und platzt. Streng genommen frisst die Phage das Bakterium also nicht, wie ihr Name behauptet. Sie verwandelt es in eine kleine Phagenfabrik, die so lange auf Hochtouren arbeitet, bis sie zusammenbricht.

Die neu produzierten Phagen greifen die nächsten Bakterien an, bis schließlich alle Erreger eliminiert sind. Dann können auch die Phagen sich nicht mehr vermehren und sterben ab. Die Infektion ist geheilt.