Den Okjökull gibt es nicht mehr. Der Gletscher, der sich auf dem Gipfel des Vulkans Ok befand, ist der erste in Island, der wegen der Erderwärmung verschwunden ist. Bereits 2014 verlor er den offiziellen Status als Gletscher, weil zu viel seiner Eismasse weggeschmolzen war. In Zukunft soll eine Gedenktafel an ihn erinnern und die Menschen motivieren, den Klimawandel zu bekämpfen. Die schlichte Tafel aus Kupfer ist mit einem "Brief an die Zukunft" beschriftet. Verfasst hat diesen Brief der isländische Schriftsteller Andri Snær Magnason. Im Interview spricht er über die Tafel, Islands Gletscher und den Sinn des Gedenkens.

ZEIT ONLINE: Herr Magnason, waren Sie mal auf dem Okjökull?

Andri Snær Magnason: Nein, ich war zwar auf vielen von Islands Gletschern, auf dem Okjökull aber nicht. Ich habe ihn allerdings gesehen, als ich dort in der Nähe wandern war. Islands Gletscher sind die jenseitigste Landschaft, die ich kenne. Sie sind mächtig, gefährlich und wunderschön. Es wäre sehr schade, sie zu verlieren.

ZEIT ONLINE: Wie sieht die Spitze des Vulkans Ok nun aus, ohne den Gletscher?

Magnason: Der Gletscher ist fast komplett weggeschmolzen. Der Okjökull war einige Quadratkilometer groß, das Eis bis zu 50 Meter dick. Ein beeindruckender Anblick war das. Davon übrig geblieben sind ein kleiner Eissee und Schneemasse. Aber das kann man nicht mehr einen Gletscher nennen. Das ist totes Eis. Ein lebendiger Gletscher bewegt sich, das Eis fließt und bricht. Ein toter Gletscher sieht auch tot aus. Da bewegt sich nichts mehr.

ZEIT ONLINE: Wie ist die Idee entstanden, dem Okjökull ein Denkmal zu widmen?

Magnason: Die Idee stammt von zwei Anthropologen aus den USA, Cymene Howe und Dominic Boyer von der Rice University in Houston. Sie forschen zum Einfluss des Menschen auf den Planeten und haben 2018 bereits eine Dokumentation über das Verschwinden des Okjökull veröffentlicht. Im Frühjahr haben die beiden mich gefragt, ob ich den Text für die Tafel schreiben will. Der Gedanke dahinter ist, an ein Ereignis zu erinnern, in dem sich der Klimawandel zeigt. Ein verschwundener Gipfel hat Symbolkraft.

Die Kupfertafel, die an den verschwundenen Gletscher erinnert, wird nahe des Vulkangipfels auf einem Felsen aufgestellt. © Dominic Boyer/​Cymene Howe/​Rice University

ZEIT ONLINE: Für die Gedenktafel haben Sie einen "Brief an die Zukunft" formuliert. Sie schreiben zum Beispiel: "Diese Gedenkstätte soll bezeugen, dass wir wissen, was passiert und was getan werden müsste. Nur ihr wisst, ob wir es geschafft haben." Warum haben Sie diese Sätze gewählt?

Magnason: Jeder weiß inzwischen, dass die Wissenschaft sagt, dass wir unseren CO₂-Ausstoß drastisch verringern müssen. Jetzt müssen wir reagieren, und zwar der ernsten Diagnose angemessen. So wie es die Kinder fordern, die für das Klima streiken. Ich hoffe, dass die Menschen, die diese Tafel eines Tages lesen werden, uns dankbar sein werden. Vielleicht werden sie aber auch denken, dass wir uns schon mal vorauseilend bei ihnen für unsere Untätigkeit entschuldigen wollten.

ZEIT ONLINE: Richtet sich Ihr "Brief an die Zukunft" tatsächlich an die nachfolgenden Generationen? Oder doch an die Menschen, die heute auf der Erde leben?

Magnason: Natürlich richtet sich der Brief an beide. Die Menschen, die heute leben, bitte ich damit, bei allem, was sie tun, an die Menschen zu denken, die diese Inschrift irgendwann lesen werden. Ich bitte sie, die Handlungsmöglichkeit zu nutzen, die wir im Jahr 2019 noch haben, und dass wir schneller etwas tun. Es kommt auf die nächsten Jahre an.

ZEIT ONLINE: Sie haben schon sehr Unterschiedliches geschrieben: Gedichte, Romane für Erwachsene und Kinderbücher. Wie sind Sie vorgegangen, um eine Inschrift für die Gedenktafel zu formulieren?

Magnason: Es hat eine Weile gedauert. Denn das, was ich schreibe, hat auf einmal eine ganz andere Dimension. Diese Inschrift ist der Text von mir, der wahrscheinlich am längsten gelesen werden wird. Die Gedenktafel wird es in Hunderten von Jahren noch geben. Wie wird man dem gerecht? Ich habe erst einmal etwas herumexperimentiert und Gedichte geschrieben. Meine Idee war, das Versmaß der Edda zu benutzen, mich also an altisländischer Dichtung zu orientieren. Aber dann habe ich doch beschlossen, klar und auf den Punkt zu formulieren. Am Ende ist der Text weniger poetisch geworden, sondern sehr direkt.

Klimawandel - Es ist schlimmer als bisher befürchtet Unser Planet heizt sich auf. Gletscher, Schnee und Dauerfrostböden tauen. Unser Video zeigt, wo Sie dem Klimawandel zuschauen können. © Foto: Zeit Online