"Sieben Künstler und ein DJ lassen es für Euch so richtig krachen und haben Bock auf eine Riesenparty mit Euch zusammen": So lautete das Versprechen der "Mallorcaparty", die am 22. Juni auf dem Freiburger Messegelände stattfand. Doch für etliche Gäste endete die Open-Air-Feier bereits am frühen Abend in der Obhut von Rettungskräften – oder sogar im Krankenhaus. Mehr als 30 Besucherinnen und Besucher klagten über extremes Unwohlsein, sie litten etwa an Übelkeit und Erbrechen, Kreislaufproblemen und Schwindel, bei manchen setzte das Gedächtnis zeitweise aus. Einigen von ihnen ging es so schlecht, dass sie zur Behandlung in eine Klinik gebracht wurden. Die Freiburger Polizei riet den Feiernden zu besonderer Vorsicht und ging noch während der Party mit einem beunruhigenden Verdacht an die Öffentlichkeit: "Mehrere Personen mutmaßlich durch K.-o.-Tropfen zu Schaden gekommen."

Was war da in meinem Drink?

Die Sorge vor heimlich ins Getränk gemischten K.-o.-Mitteln ist groß. Seit diesem Frühjahr gibt es sogar ein Armband, das mit einem Schnelltest auf K.-o.-Tropfen vor gepanschten Getränken warnen soll. Als der "Xantus-Drinkcheck" im April in den Onlineshop einer Drogeriekette kam, war er innerhalb von wenigen Tagen ausverkauft. Zahlreiche Medien berichteten daraufhin über das Produkt.

"Wir waren von dem Ansturm selbst etwas überrumpelt", sagt die Armbanderfinderin Kim Eisenmann. Sie studiert in Karlsruhe, zusammen mit ihrem Freund und Geschäftspartner Sven Häuser hat sie das Xantus-Drinkcheck-Armband auf den Markt gebracht. Die 25-Jährige will, dass Menschen mit ihrem Armband unbeschwert feiern können. Dass sie sich in Clubs, auf Partys und Festivals sicherer fühlen. Ohne Angst vor sexualisierter Gewalt. Ohne Sorge, bewusstlos ausgeraubt zu werden.

Eisenmann erzählt von einer Bekannten, die im vergangenen Jahr auf dem gleichen Stadtfest wie sie war – und unbemerkt K.-o.-Tropfen verabreicht bekam. Die junge Frau sei unbekleidet und verletzt im Park gefunden worden und habe sich an nichts erinnern können. "Das hat mich wachgerüttelt", sagt Eisenmann. "Ich dachte, das hätte genauso gut mir passieren können."

Es ist unklar, ob und was Eisenmanns Bekannten tatsächlich geschehen ist. Für die Geschichte gibt es keine Belege. Es liegt durchaus im Bereich des Möglichen, dass eine junge Frau auf einem Stadtfest mit K.-o.-Tropfen außer Gefecht gesetzt und vergewaltigt wird. Es könnte sich allerdings ebenfalls um ein Gerücht handeln, dem die beiden Gründer aufgesessen sind. Womöglich ist die Geschichte von Eisenmanns Bekannter aber auch bloß eine "Story", mit der ein junges Unternehmen sein Produkt vermarktet.

"Das Problem: Das leichter erhältliche, ebenso gefährliche GBL und andere K.-o.-Mittel erkennt der Test nicht."
Burkhard Madea, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin in Bonn

Es gibt gleich zwei Gründe, warum man dieser Geschichte mit einer gewissen Skepsis begegnen sollte. Nicht bloß, weil die beiden Gründer mit der Angst vor K.-o.-Tropfen ihr Geld verdienen. Sondern auch, weil über K.-o.-Mittel viele Mythen kursieren, während das Wissen begrenzt ist. Es ist zum Beispiel überhaupt nicht klar, wie oft sie Menschen gegen ihren Willen verabreicht werden. Burkhard Madea ist Direktor des Instituts für Rechtsmedizin in Bonn und forscht zur Nachweisbarkeit von K.-o.-Tropfen. Vor Gericht wirkt er als Gutachter, wenn bei einem Fall K.-o.-Mittel im Spiel sein sollen. Er ist also jemand, den man einen K.-o.-Tropfen-Experten nennen könnte. Doch Madea bleibt vorsichtig: "Wir können nicht sagen, wie groß das Problem aktuell in Deutschland ist."

Wenn man bei Pressestellen der Polizei anfragt, klingt es so, als seien K.-o.-Tropfen zwar ein ernst zu nehmendes, aber kein besonders weitverbreitetes Problem. Bei der Polizei München heißt es, die ungewollte Verabreichung von K.-o.-Mitteln sei "recht selten". Die Polizei Köln erklärt, dass im Raum Köln/Leverkusen die Zahl der Anzeigen wegen unfreiwillig verabreichter Drogen im mittleren bis unteren zweistelligen Bereich pro Jahr liege. 2019 könne ein deutlicher Rückgang beobachtet werden. Fälle, in denen es einen Bezug zu sexualisierter Gewalt gebe, lägen im einstelligen Bereich.