Wenn Lucinda Niessen tanzt, dann nicht mit den Füßen, sondern in ihrer Vorstellung. Langsam wiegt sie ihren Kopf von links nach rechts, folgt den Reggae-Bässen, die über die Tanzfläche wabern. Zwischen Kiefernbäumen, geflutet vom Licht der untergehenden Sonne, geht ein Festivaltag zu Ende. Niessen, schwarzer Nasenring, die dunkelbraunen Haare zum Zopf gebunden, hat ihre Sonnenbrille abgesetzt und in den Schoß gelegt, ihre Augen sind geschlossen. Die Menschen um sie herum zeichnen lange Schatten auf den staubigen Boden. Fast niemand spricht. Für einen Moment scheint es, als hätte sich ein Festivalpublikum kollektiv in Trance getanzt.

Tanzen war einmal Niessens große Leidenschaft. Als Kind überlegte sie sich fast jeden Nachmittag neue Choreografien, einmal die Woche fuhr sie zur Tanzschule, lernte Hip-Hop, Jazztanz, Folklore. Doch damit musste sie aufhören: Die 26-Jährige hat Friedreich Ataxie, eine Nervenkrankheit, die Rückenmark und Kleinhirn schädigt und das Gehen irgendwann unmöglich macht; seit sie 13 Jahre alt ist, sitzt sie im Rollstuhl. Tanzen geht Niessen seitdem nur noch selten. In Köln, wo sie wohnt, feiert sie ab und zu im Odonien – das ist der einzige Club, von dem sie weiß, dass die Toiletten auch für Rollstuhlfahrerinnen zugänglich sind.

Alle tanzen mit

Im Sommer auf ein Festival fahren, tagelang draußen sein und ausgelassen feiern, das hat Niessen sich oft gewünscht. Aber wie sollte das funktionieren? Schließlich bedeuten Festivals nicht nur Glitzer, Rausch und Sonnenbrand, sondern ziemlich oft auch Schlafsack, Dixi-Klo und weitläufige Campingplätze. Und was, wenn der Regen das Gelände in eine Fläche aus Matsch verwandelt, wie soll sie mit ihrem Rollstuhl dann noch vorankommen?

Was für viele ganz selbstverständlich zum Festivalfeeling gehört, kann für Menschen mit einer Behinderung zum Problem werden. Veranstalterinnen und gemeinnützige Organisationen wollen das ändern. Mit Rollstuhlwegen, Begleitpersonen und Gebärdensprachdolmetscherinnen soll allen das Feiern ermöglicht werden. Doch können große Veranstaltungen wie das Hurricane und das Wacken Open Air überhaupt inklusiv sein, oder braucht es dafür eine ganz andere Art von Festival?

Ein kleines Festival setzt auf Inklusion

Vor zwei Jahren erzählte Lucinda Niessens bester Freund von seinem Besuch beim Zurück zu den Wurzeln. Das Wurzel-Festival, wie es viele nennen, findet seit 2016 jedes Jahr im Juni bei Niedergörsdorf in Brandenburg statt. Seit 2017 versucht es, ein inklusives Festival zu sein. Damit gehört es neben Veranstaltungen wie dem Puls Open Air in Bayern oder dem Pop-Kultur-Festival in Berlin zu den wenigen Festivals in Deutschland, für die Barrierefreiheit ein zentrales Anliegen ist.

"Jedem soll ein Besuch ermöglicht werden – egal ob die Person blind ist, Trisomie 21 hat oder im Rollstuhl sitzt", sagt Darleen Humbert. Die 23-Jährige studiert Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Behindertenpädagogik und hat dieses Jahr zum zweiten Mal als Inklusionsverantwortliche für das Wurzel-Festival gearbeitet. Wie viele Menschen mit einer Behinderung kommen, misst sie an der Zahl der verkauften Inklusionstickets. In diesem Jahr hätten 100 Menschen ein solches Ticket gekauft, sagt Humbert, im vergangenen seien es noch 80 gewesen. Ein Inklusionsticket koste 44 statt 140 Euro, garantiere einen Zeltplatz im Inklusionscamp und ermögliche die kostenlose Mitnahme einer Begleitperson.

Niessen kaufte sich im vergangenen Jahr zum ersten Mal ein Inklusionsticket für das Zurück zu den Wurzeln, ihr allererstes Festivalticket überhaupt. Dieses Jahr ist sie zum zweiten Mal nach Niedergörsdorf gefahren, um mit 7.000 anderen Gästen zu Techno, Deep House und Drum ’n‘ Bass zu feiern.