Alle Körper sind schön: So lautet der Claim der Body-Positivity-Bewegung, die vor allem in sozialen Netzwerken wie Instagram aktiv ist. Mit Selfies in Unterwäsche und der Umbenennung von Dehnungsstreifen in "Tiger Stripes" kämpfen die meist weiblichen Aktivistinnen für ein liebevolleres Verhältnis zum eigenen Aussehen. Doch ist Body Positivity die Lösung, um sich nicht mehr von Schönheitsidealen unter Druck setzen zu lassen? Nein, sagt Anuschka Rees, Sozialpsychologin und Autorin des Ratgebers "Beyond Beautiful". Sie findet, dass wir vor allem den Stellenwert von Schönheit hinterfragen müssen und plädiert für eine neutrale Einstellung zum eigenen Körper.

ZEIT ONLINE: Frau Rees, Sie haben für Ihr Buch "Beyond Beautiful" mit rund 600 Menschen über Schönheitsideale und das Verhältnis zum eigenen Körper gesprochen. Was haben Sie aus diesen Gesprächen gelernt?

Anuschka Rees © privat

Anuschka Rees: Die wichtigste Erkenntnis war für mich, wie sehr das eigene Körperbild das Leben vieler Menschen beeinflusst. Ganz viele Entscheidungen, die wir von morgens bis abends treffen, hängen damit zusammen: Esse ich das jetzt oder nicht? Verzichte ich darauf, mit Freunden an den See zu gehen, weil ich mich im Bikini nicht wohlfühle? Stell ich mich beim Gruppenfoto extra nach hinten, um bestimmte Körperteile zu verstecken? Ich fand aber auch erschreckend, wie viele Leute stundenlang ihre Selfies optimieren, bevor sie die auf Instagram posten. 

ZEIT ONLINE: Gab es Berichte, die Sie besonders schockiert haben?

Rees: Ja. Ich habe mit Menschen gesprochen, die ihrem Partner nicht erlauben, sie anzufassen. Eine Person hat mir zum Beispiel erzählt: Wenn er merkt, wie sich mein Bauch anfühlt, liebt er mich nicht mehr. Mich hat auch schockiert, wie weitverbreitet Gedanken an Schönheits-OPs sind. Und ich fand krass, was Eltern ihren Kindern alles an den Kopf werfen und wie sehr diese Kommentare viele von ihnen auch Jahre später noch beschäftigen.

ZEIT ONLINE: Was haben die Eltern gesagt?

Rees: Frauen haben von ihren Eltern Dinge zu hören bekommen wie: Du musst unbedingt abnehmen, sonst stirbst du als alte Jungfer. Oder: Du musst Bleichcreme benutzen, sonst findest du mit deiner dunklen Haut keinen Mann. 

ZEIT ONLINE: Die Body-Positivity-Bewegung wehrt sich mit der Botschaft, dass alle Körper schön sind, seit Jahren gegen die Idee, dass nur die Kleidergrößen 34/36 und weiße Haut attraktiv seien. Sie kritisieren Body Positivity. Warum?

Die Antwort

Rees: Wir haben der Body-Positivity-Bewegung viel zu verdanken: Sie hat das Bewusstsein geweckt, wie unrealistisch und diskriminierend unsere Schönheitsideale sind. In der Werbung sehen wir inzwischen auch Frauen mit Falten oder Schwangerschaftsstreifen. Und natürlich ist es immer noch wichtig, für mehr Diversität in den Medien zu kämpfen. Aber das reicht nicht. Denn Body Positivity geht nicht an die Wurzel des Problems: Sie kritisiert zwar die enge Definition, welche Körper als schön gelten. Die Überzeugung, dass man sich schön fühlen muss, um glücklich zu sein im Leben, wird aber nicht infrage gestellt. Und genau da setzt Body Neutrality an.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet Body Neutrality?

Rees: Bei Body Neutrality geht es darum, die Bedeutung, die wir unserem Aussehen beimessen, zu reduzieren. Schönheit hat in unserer Gesellschaft einen viel zu hohen Stellenwert. Anders als bei Body Positivity ist das Ziel also nicht, den eigenen Körper zu lieben oder seine Pickel schön zu finden. Das Ziel von Body Neutrality ist, das Selbstwertgefühl sehr viel weniger an die äußere Erscheinung zu koppeln.

ZEIT ONLINE: Warum ist das besser?

Rees: Ein Psychotherapeut würde eine Person, die Probleme mit dem eigenen Körperbild hat, auch nicht versuchen davon zu überzeugen, dass sie total schön ist. Sondern er würde ihr helfen, die Einstellung zu entwickeln: Ich habe Wert, ganz egal, wie ich gerade aussehe.