Die Wälder der Erde sind bedroht: Nicht nur in Brasilien, sondern weltweit wüten die Flammen. Manche der Waldbrände wurden von Menschen gelegt, andere durch den Klimawandel begünstigt. Nun plant US-Präsident Donald Trump laut Medienberichten auch noch, Alaskas Regenwald zur Abholzung und für den Straßenbau freizugeben. Warum Wälder so existenziell wichtig für das Klima sind – und wie die Klimaretter gerettet werden können, erklärt der Ökologe Wolfgang Cramer. Er sagt: Der wichtigste Hebel, um Wälder effektiv zu schützen, seien momentan Handelsverträge wie das Mercosur-Abkommen.

ZEIT ONLINE: Herr Cramer, es brennt auf Tausenden Quadratkilometern rund um den Amazonas. Das große Gebiet macht es schwierig, die Brände schnell zu löschen. Was ist das Wichtigste, was dort jetzt passieren muss?

Wolfgang Cramer: Natürlich ist es extrem wichtig, dass die Waldbrände schnellstens gelöscht werden, übrigens auch anderswo, zum Beispiel in Sibirien. Aber ebenso wichtig ist es, die Ursachen zu bekämpfen und diese liegen im Fall der Brände im Amazonasbecken direkt in der Politik des brasilianischen Präsidenten. Dieser hat seit seiner Wahl sehr deutlich gemacht, dass die schnellstmögliche Ausbeutung der Ressourcen im Amazonasgebiet sehr hohe Priorität für ihn hat.

ZEIT ONLINE: Der Amazonasregenwald wird auch als "grüne Lunge" der Erde bezeichnet. Warum sind Wälder so wichtig fürs Klima?

Wolfgang Cramer © Nacho Grez

Cramer: Der gegenwärtige Klimawandel wird zum überwiegenden Teil durch Kohlendioxid, also CO2, verursacht. Alle Wälder speichern Kohlenstoff – im Stammholz, aber auch in den Wurzeln und im Boden. Wenn der Gehalt an CO2 in der Atmosphäre stark zunimmt, wie dies aktuell der Fall ist, dann können Wälder dabei helfen, einen Teil des CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen und längerfristig zu speichern. Hinzu kommt, dass Wälder den Wasserkreislauf stabilisieren: In bewaldeten Regionen wird Wasser während einer Trockenperiode besser im Boden gespeichert, auch ist der bewachsene und durchwurzelte Waldboden gut vor Erosion geschützt, wenn es mal stark regnet.

ZEIT ONLINE: Was bringt für den Schutz der Wälder mehr: aufforsten oder das Abholzen verhindern?

Cramer: Aus Klimaschutzperspektive gibt es nichts Besseres, als die vorhandenen Wälder weitgehend intakt zu lassen. Ungefähr 12 Prozent der weltweiten Emissionen an Treibhausgasen resultieren aus der Abholzung und anderen Veränderungen in der Landschaft. Wenn ich das in den Wäldern geschlagene Holz für die Energieerzeugung nutze, dann entweicht der Kohlenstoff, der zuvor im Holz über lange Zeit gespeichert wurde, in sehr kurzer Zeit als CO2 in die Atmosphäre. Selbst, wenn ich anschließend wieder mit schnell wachsenden Bäumen aufforste, braucht es Jahrzehnte, um diesen Verlust auszugleichen. Deshalb ist Waldschutz die wichtigste Aufgabe. Wo es geeignete Flächen gibt, ist Aufforstung natürlich auch positiv  – aber nur dann, wenn für diese Aufforstung nicht vorher Wald abgeholzt wurde.

ZEIT ONLINE: Aber ein Wald ist ja nicht nur dazu da, um Kohlenstoff zu speichern.

Cramer: Das stimmt. Der Wald hat viele andere nützliche Funktionen: positive Effekte auf den Wasserkreislauf, auf das lokale Klima, als Material für eine nachhaltige Holznutzung, für die Biodiversität, sogar für die Erholung. All diese Funktionen bekomme ich zum Klimaschutz gratis dazu, indem ich den vorhandenen Wald schütze.

ZEIT ONLINE: In Brasilien gibt es zahlreiche Nationalparks mit Schutzgebieten für die Natur und für indigene Völker. Auch dort sind zum Teil große Brände ausgebrochen, wie beispielsweise im Jacundá-Nationalpark im Bundesstaat Rondônia. Bringt es dann überhaupt etwas, Nationalparks zu errichten?

Cramer: Wenn man verhindern kann, dass es in Schutzgebieten zu großflächigen Brandrodungen oder Kahlschlägen kommt, ja. Jede Art von Schutzgebieten trägt auch dazu bei, langfristig Kohlenstoff zu speichern. Man hört jetzt oft den Vorschlag, vorhandene Wälder abzuholzen, das Holz zur Energienutzung zu verwenden und auf den freigewordenen Flächen schnell wachsende Bäume für spätere Energienutzung zu pflanzen – mit der Idee: Wo Bäume schnell an Masse zulegen, speichern sie auch mehr Kohlenstoff. Aber das ist ein Trugschluss. Auch ein alter Wald, in dem augenscheinlich keine großen Mengen an Holz mehr wachsen, speichert noch viel Kohlenstoff in den Wurzeln.