Es hat Nebenwirkungen, wenn Menschen sich anziehen – ganz egal, ob sie nun schön aussehen wollen oder mit Zweckmäßigkeit zufrieden sind. Denn Mode hat gravierende ökonomische, ökologische und soziale Auswirkungen. Der McKinsey Global Fashion Index besagt: Jährlich werden mehr als 100 Milliarden Kleidungsstücke produziert. Eine Greenpeace-Studie zeigt: In Deutschland beispielsweise werden pro Kopf und Jahr 60 neue Kleidungsstücke gekauft. Und: Durch Herstellung, Warentransport und Gebrauch (waschen, trocknen, bügeln) werden jährlich mehr als 850 Millionen Tonnen CO2-Emissionen verursacht. Die Bundesregierung fasst zusammen: "Weltweit arbeiten mehr als 60 Millionen Menschen in der Bekleidungsindustrie, die meisten von ihnen in Entwicklungs- und Schwellenländern", vielerorts gebe es noch immer 16-Stunden-Schichten. Das alles steht hinter jedem einzelnen schnell gekauften T-Shirt.

Die Kaufentscheidung müsste also ein ziemlich komplexer Vorgang sein, wenn man nicht nur überlegen möchte, ob man gerade ein blaues oder nicht doch ein türkisblaues T-Shirt haben möchte. Dann sollte man sich fragen, was die Nebenwirkungen dieses Kleidungsstücks sein könnten: Werden beim Baumwollanbau Pestizide eingesetzt? Welche Chemikalien werden zum Färben des Stoffs verwendet? Wie gut sind die Arbeiterinnen und Arbeiter vor solchen Gesundheitsbelastungen geschützt? Und können sie überhaupt leben von dieser Arbeit?

Medikamente haben Beipackzettel, die vor Nebenwirkungen warnen. Mode hat hübsche Etiketten, die zum Kauf verführen wollen. Der Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat nun den Grünen Knopf vorgestellt, der das alte Ideal des guten Konsums wiederbeleben soll. Es handelt sich dabei um ein staatliches Textilsiegel, das garantiert, dass die teilnehmenden Unternehmen 26 soziale und ökologische Mindeststandards einhalten: Sie müssen Mindestlöhne garantieren, Kinder- und Zwangsarbeit ächten. Sie müssen Sicherheits- und Gesundheitsvorschriften am Arbeitsplatz einhalten, die etwa das Bereitstellen von Schutzkleidung gegen Chemikalien beim Färben betreffen sowie die Pausen und die maximale Stundenzahl regeln.

Grüner Knopf, in Schwarz ausgeschrieben, das O als grüner Kleidungsknopf dargestellt, darunter der Zusatz: "Sozial. Ökologisch. Staatlich." So sieht das Siegel aus. Der Slogan dazu lautet: "Nicht mehr suchen, einfach finden." Die T-Shirts, die bei der Vorstellung in Berlin am Montag in die Kameras gehalten wurden, waren bedruckt mit dem Versprechen: "We Change Fashion".

27 Firmen – vom Start-up bis zum Konzern – sind bereits mit dem Grünen Knopf zertifiziert und können ein entsprechendes Etikett in Kleidung oder andere Textilien wie Bettwäsche einnähen. Aldi Nord, Aldi Süd, hessnatur, Lidl, Tchibo, Trigema und Vaude sind dabei. 26 weitere Unternehmen, etwa Hugo Boss und Socks4Fun, durchlaufen derzeit den Prüfprozess. Einer der wichtigsten Punkte ist die Offenlegung der Zulieferer – damit wäre das Argument vom Tisch, man habe nicht gewusst, wie schlimm die Arbeitsbedingungen bei diesem oder jenem Lieferanten seien. Einmal verliehen gilt das Siegel für drei Jahre – und zwar nur für das gesamte Unternehmen, nicht für einzelne Produkte. Die Recyclingsonderkollektionen der ansonsten munter weiter produzierenden Fast-Fashion-Riesen fallen also nicht darunter.

Immer neue, immer günstige, immer verfügbare Mode

Gerd Müller hat mehr als fünf Jahre gebraucht, um den Grünen Knopf auf den Weg zu bringen. Der Auslöser war der Einsturz des Rana Plaza Building in Bangladesch am 24. April 2013: Als das marode, überlastete Gebäude zusammenbrach, wurden 4.000 Menschen verschüttet und mindestens 1.136 von ihnen getötet. Der Einsturz gilt als größtes Unglück in der Geschichte der Textilindustrie. Er illustrierte die schwerwiegenden Folgen des Anspruchs auf immer neue, immer günstige, immer verfügbare Mode, viele westliche Firmen ließen hier produzieren.

Was kann der Grüne Knopf dagegen ausrichten? Erst mal nicht viel, denn er ist freiwillig. Kein Unternehmen wird genötigt, sich dem Zertifizierungsprozess zu unterziehen. Zudem gibt es bereits diverse Siegel, etwa das des Internationalen Verbands der Naturtextilwirtschaft (IVN) oder den Global Organic Textile Standard (GOTS). Man kann also nicht sagen, dass Gerd Müller gerade den Grünen Punkt neu erfunden hat, der immerhin den Recylingmarkt neu ordnen konnte. Aber Müller hat eher nur einen Wohlfühlpunkt für die Konsumentinnen und Konsumenten geschaffen, denn andere Siegel sind um einiges strenger als der Grüne Knopf. Sowohl GOTS als auch IVN umfassen den gesamten Prozess, von Anfang an, während der Grüne Knopf irgendwo in der Mitte der Produktion feststeckt. Er umfasst nicht die Erzeugung der Rohstoffe, nicht das Weben der Stoffe, sondern nur die Weiterverarbeitung. Theoretisch kann also ein T-Shirt mit dem Grünen Knopf auf den Markt kommen, das zwar umweltbewusst gefärbt wurde, aber trotzdem noch aus Baumwolle besteht, die mit Pestiziden belastet ist.

Auch bei den Arbeitsbedingungen ist die Zertifizierung unvollständig: Die Verpflichtung, Mindestlöhne zu zahlen, garantiert nicht, dass diese Löhne existenzsichernd sind. Die Kampagne für Saubere Kleidung berichtet etwa, dass in Bangladesch der gesetzliche Monatsmindestlohn von umgerechnet etwa 80 Euro nicht das Existenzminimum der Textilarbeiterinnen und Textilarbeiter sichert. Dafür müsste er etwa doppelt so hoch sein.

Der Grüne Knopf hängt also nur lose am Faden, neue Standards kann er kaum setzen. Unter strengeren Bedingungen wäre er vielleicht das geworden, was die von der Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) so vehement abgelehnte Lebensmittelampel hätte sein können – ein einfacher Hinweis für die Verbraucher, wie man etwas besser machen kann. Hier das gesündere Leben für sich selbst, da ein besseres Leben für diejenigen, die an der Herstellung eines T-Shirts beteiligt sind. Kennzeichnungen können tatsächlich Kaufentscheidungen beeinflussen, haben Forscher der Universität Bonn bei Tests zur Lebensmittelampel herausgefunden: Eine solche Markierung wirke wie ein Verstärker für die Selbstkontrolle. Vielleicht lässt sich der Widerstand gegen Fett und Zucker übertragen in den Impuls, das billige T-Shirt das nächste Mal hängen zu lassen. Bequem genug macht es einem der Grüne Punkt ja immerhin.