Als Lisa Bor nach ihrem Studium der Technik- und Wissenschaftsgeschichte keinen Job fand und dringend Geld brauchte, meldete sie sich im Januar 2017 bei Helpling an. Dutzende Male reinigte sie die Wohnungen von Helpling-Kunden. Bor, inzwischen Doktorandin, sagt, grundsätzlich würde sie wieder putzen gehen. "Aber ich hoffe, ich komme nicht mehr in die Lage, das über so ein Portal machen zu müssen."

Mit wenigen Klicks eine Putzkraft finden, legal und ohne den bürokratischen Stress, eine Haushaltshilfe anmelden zu müssen: In Deutschland geht das zum Beispiel über die App und Website des Unternehmens Helpling. In den USA gibt es eine ähnliche Firma, die Handy heißt. Wer bei Up & Go in New York online eine Reinigungskraft beauftragt, bekommt auf den ersten Blick den gleichen Service wie bei anderen Haushaltshilfen-Apps auch: Vielleicht steht kurz darauf Maria Carmen Tapia vor der Tür, in den Händen Putzwedel und Ökosprays. Sie wird das Bad schrubben, die Böden wischen und die Gläser polieren.

Tatsächlich aber ist hinter den Kulissen bei Up & Go fast alles anders. Helpling und Handy gehören zur Gig-Economy, in der Firmen über digitale Plattformen Aufträge an Freelancer vergeben. Die Putzportale vermitteln selbstständige Reinigungskräfte und kassieren dafür einen dicken Anteil des Honorars als Provision. Die Reinigungskraft Maria Carmen Tapia von Up & Go ist keine schlecht bezahlte Gig-Jobberin, die sich in der teuren Metropole New York mit einem Hungerlohn durchschlägt. Tapia ist Eigentümerin ihres eigenen Betriebs. "Wer mich bucht, bekommt den Boss höchstpersönlich!", sagt die 42-Jährige lachend.

Bei Up & Go bestimmen die Reinigungskräfte

Hinter Up & Go steckt eine Kooperative. Allen 25 Putzkräften – 23 Frauen und zwei Männer – gehört der Betrieb gemeinsam. Sie teilen sich die Geschäftsbüros, den Kundenservice und die App. Und sie fällen alle wichtigen Entscheidungen zusammen. Alle zwei Wochen treffen sie sich, um über anstehende Fragen zu beraten, und jede hat genau eine Stimme: Sollen sie mehr Arbeiterinnen aufnehmen? Das Geschäftsgebiet der Kooperative um ein Stadtviertel erweitern? Wie viel Geld wollen sie für Investitionen zurücklegen?

"Ich verdiene doppelt so viel wie vorher", sagt Tapia. Seit sie vor 21 Jahren mit ihrer Mutter aus Ecuador nach Amerika floh, arbeitet sie als Putzfrau. Immer auf eigene Rechnung, "immer knapp am Existenzminimum". Als sie vor zwei Jahren überlegte, sich mit einigen Kolleginnen zusammenzuschließen, kam das gemeinnützige Center for Family Life (CFL) mit der Idee auf sie zu, sich an der gerade in Gründung befindenden Plattform und App Up & Go zu beteiligen. "Ich wusste am Anfang gar nicht genau, was eine App und eine Kooperative überhaupt sind", sagt Tapia.

Das CFL in Sunset Park, Brooklyn, kümmert sich seit 1978 um Bedürftige in der Nachbarschaft, von der Kinderbetreuung bis zur Seniorenhilfe. Schon seit zwölf Jahren versucht das Zentrum auch, den meist ungelernten Hilfsarbeitern in der Gegend durch den Zusammenschluss zu Kooperativen zu besseren Jobs zu verhelfen. Mit Up & Go wagen sie sich seit 2017 an ein gänzlich neues und bislang einmaliges Modell. "Wir wollen faire Arbeitsbedingungen für die Arbeiter schaffen", formuliert Sylvia Morse vom CFL als Ziel, "indem wir die Kooperativen ins 21. Jahrhundert bringen." Als Projektleiterin unterstützt sie die Eigentümerinnen von Up & Go dabei, ihr Reinigungsunternehmen aufzubauen und weiterzuentwickeln.

Gegenmodell zur Gig-Economy

Im Grunde versucht Up & Go, das Gute aus verschiedenen Welten zu vereinen: die leichte Bedienbarkeit und moderne Oberfläche der App, mit der Kunden sich einfach und schnell Hilfe im Haushalt buchen können, die Sicherheit und Aufstiegschancen eines regulären Jobs und den Enthusiasmus von frisch gebackenen Geschäftsgründerinnen.

Die Gig-Economy entstand vor etwa zehn Jahren. Uber wurde 2009 gegründet, Deliveroo im Jahr 2013, Helpling 2014. Anfangs schienen die Unternehmen viele Chancen für geringer qualifizierte Menschen zu bieten – und auch für jene, die einen flexiblen Nebenjob suchten. Aber Ökonomen warnten bald vor der Entstehung eines digitalen Prekariats, das von einzelnen Plattformen abhängig wird: Die Flexibilität für den Kunden, der unbürokratisch und möglichst günstig per App bestellt, geht zulasten der Dienstleister, die meist schlecht bezahlt und ohne Verhandlungsmacht agieren. Wenn Uber plötzlich die Preise senkt, haben viele Fahrer keine andere Wahl, als für weniger Geld zu fahren. Und als sich der Essenslieferdienst Deliveroo im August kurzfristig vom deutschen Markt zurückzog, standen die Fahrradkuriere innerhalb weniger Tage ohne Job da.

Die Ex-Deliveroo-Kuriere wollen nun, wie die Reinigungskräfte von Up & Go, selbstverwaltet arbeiten. Wie das ihren Job verändern könnte, zeigt ein Blick nach New York – schließlich hat die Putzkooperative Up & Go schon mehr als zwei Jahre Erfahrung.