Biolebensmittel kaufen, auf Flugreisen und das eigene Auto verzichten, aber ein Konto bei einer konventionellen Bank haben. Vielen ist nicht bewusst, dass ihre Bank in Unternehmen investiert, deren Geschäftspraktiken nicht nachhaltig sind. Thomas Küchenmeister setzt sich mit seiner NGO Facing Finance für einen nachhaltigen Finanzmarkt ein und bietet Informationen für die grüne Geldanlage. Doch auch der Staat müsse für mehr Transparenz sorgen und die Finanzierung von schmutzigen Geschäften verhindern, meint er. Wie kann das funktionieren?

ZEIT ONLINE: Herr Küchenmeister, "Klimaschutz geht nicht zum Nulltarif"", heißt es aus der Politik häufig. Gilt das auch auf dem Finanzmarkt, also Nachhaltigkeit gleich Mehrkosten für die Unternehmen und damit eine kleinere Rendite für Anleger?

Thomas Küchenmeister: Ganz im Gegenteil, die Renditechancen von nachhaltigen Anlagen sind mehrfach und langfristig belegt worden. Es gibt Studien, die zeigen, dass man mit nachhaltigen Anlagen sein Risiko sogar minimiert, weil die Unternehmen zukunftsorientiert arbeiten. Beispielsweise ist die erneuerbare Energiebranche im Gegensatz zur Ölbranche zukunftsfähig. 

ZEIT ONLINE: Die Deutsche Börse hat vergangenes Jahr eine Übersicht für grüne Anleihen geschaffen, viele Fondsgesellschaften bieten nachhaltig investierte ETFs an, also Fonds, die einen Index nachbilden und auf dessen positive Entwicklungen setzen. Erleben wir gerade die grüne Wende am Finanzmarkt?

Küchenmeister: Nein. Es tut sich nicht viel. Es gibt zwar einige Angebote, aber der Anteil der nachhaltigen Geldanlagen, wie die auch immer ausgestaltet sind, liegt bei 2 bis 3 Prozent. Und wenn man sich die Portfolios der meisten nachhaltig investierten Indexfonds genau ansieht, findet man sehr häufig Beteiligungen, die da nichts drin zu suchen haben, zum Beispiel aus der Ölbranche. Dies widerspricht klar einem nachhaltigen Ansatz.

ZEIT ONLINE: Ist das, was auf dem Markt angeboten wird, dann lediglich Greenwashing?

Küchenmeister: Ich kenne natürlich nicht alle Angebote. Aber es fällt schon auf, dass einige Angebote, die sogar als nachhaltig prämiert werden, nach unserer Auffassung nichts oder nur wenig mit Nachhaltigkeit zu tun haben.

ZEIT ONLINE: Können Sie ein Beispiel nennen?

Küchenmeister: Finanztip empfiehlt beispielsweise einen Indexfond von Blackrock als nachhaltige Geldanlage, den iShares Dow Jones Global Sustainability Screened UCITS ETF. Der Fonds investiert zum Beispiel in die CO2-belastete fossile Energiebranche, also in Unternehmen wie Shell und Total, ebenso wie in Minenkonzerne, die für fortschreitende Umweltzerstörungen verantwortlich sind, in eine für massive CO2-Emissionen verantwortliche Automobilindustrie oder auch in die globalen Marktführer Coca-Cola und Nestlé, die mit der jährlichen Produktion von zusammen fast fünf Millionen Tonnen Kunststoff größte Plastiksünder weltweit sind. Solche Beteiligungen darf man aus unserer Sicht nicht als nachhaltige Geldanlage empfehlen.

ZEIT ONLINE: Welches Anlageprodukt können Sie denn empfehlen? Gibt es eine Anlage, bei der ich nachhaltig investiere und mein Geld auf keinen Fall verliere?

Küchenmeister: Das kann man nicht seriös beantworten. Als NGO geben wir auch keine konkreten Kaufempfehlungen. Aber was Nachhaltigkeit betrifft, gibt es bei den Produkten der Triodos oder GLS Bank wenig zu beanstanden.

ZEIT ONLINE: Kann man nicht auch einfach gezielt Aktien von grünen Unternehmen kaufen, um sich ganz sicher zu sein, wo das Geld landet?

Küchenmeister: Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Grundsätzlich sind erneuerbare Energien eine zukunftsorientierte Anlage. Aber es gibt auch hier unseriöse Anbieter. Es kommt letztlich auf das konkrete Unternehmen an.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet überhaupt Nachhaltigkeit in Bezug auf Anlageprodukte?

Küchenmeister: Der Begriff Nachhaltigkeit ist nicht geschützt. Jeder definiert ihn anders, was viele Probleme mit sich bringt. Nach unserem Verständnis bemisst sich Nachhaltigkeit daran, wie umfassend und glaubhaft international akzeptierte und vereinbarte soziale und ökologische Standards tatsächlich beachtet werden. Das schließt also Menschenrechte, völkerrechtliche Verbotsverträge zu Waffenexporten, Arbeits- und Umweltrechten oder das Pariser Klimaabkommen ein, und das erfordert eben eine genaue Betrachtung der Beteiligungen jedes einzelnen Fonds.

Die allermeisten Anbieter von nachhaltigen Finanzprodukten haben sich aber leider nur zu sehr schwammigen Mindeststandards verpflichtet, wie denen aus dem UN Global Compact. Wenn unsere Gesellschaft die Transformation zu einem nachhaltigen Finanz- und Wirtschaftssystem hinbekommen will, müssen die Anbieter aber einem detailreicheren und umfassenderen Nachhaltigkeitsbegriff folgen.