2013 veröffentlichten die Wissenschaftler Carl Benedikt Frey und Michael Osborne eine Zahl, die viele schockierte: Fast die Hälfte der Arbeitsplätze in den USA könnte durch Automatisierung bedroht sein, schrieben sie in der Studie "The Future of Employment" (Die Zukunft der Beschäftigung). In den folgenden Jahren wurde die Studie als übertrieben kritisiert und aktualisiert. Doch sie setzte eine große Frage auf die öffentliche Agenda: Wie wird künstliche Intelligenz die Arbeitswelt verändern? Das Bundesarbeitsministerium plant inzwischen eine Art TÜV für die Anwendung von künstlicher Intelligenz in Unternehmen.

Shirley Ogolla erforscht die Prozesse um KI in der Arbeitswelt am Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin. Josef Bednarski begleitet die Umsetzung in der Praxis, er ist Vorsitzender des Konzernbetriebsrats der Deutsche Telekom AG. Mit ZEIT ONLINE haben die beiden über die Risiken, aber auch die Chancen von KI am Arbeitsplatz diskutiert: Richtig eingesetzt könnte sie Menschen von drögen Routinetätigkeiten befreien – und dazu führen, dass alle weniger arbeiten müssen.

"Die Alternative ist: Irgendwann ist dein Arbeitsplatz fort"

ZEIT ONLINE: Frau Ogolla, Herr Bednarski, haben Sie eigentlich Angst vor künstlicher Intelligenz?

Josef Bednarski: Ich habe keine Angst. Ich muss mich mit dem Thema auseinandersetzen und Lösungen finden. Angst ist da ein schlechter Berater.

Shirley Ogolla: Da stimme ich zu. Der öffentliche Diskurs in Deutschland ist generell eher pessimistisch, wenn es um neue technologische Phänomene geht. Wir sollten aber nicht angstgetrieben auf künstliche Intelligenz zugehen, denn letztendlich können wir sie für uns nutzen.

ZEIT ONLINE: Frau Ogolla, einfach erklärt: Was ist künstliche Intelligenz?

Ogolla: Der Begriff der künstlichen Intelligenz ist umstritten. Viele haben Fantasien von starker oder selbst agierender künstlicher Intelligenz, die ist aber eigentlich noch nicht wirklich einsatzfähig. Wenn wir über das reden, was wir heute bereits anwenden, dann reden wir über Machine Learning oder lernende Algorithmen. Das sind Systeme, die auf Basis von Datensätzen lernen, Muster zu erkennen und Probleme eigenständig zu lösen.

ZEIT ONLINE: Herr Bednarski, wo wird KI bei der Telekom schon eingesetzt?

Bednarski: Im Kundendienst gibt es Chatbots, die einfache Kundenanfragen beantworten. Wenn also ein Kunde ein Problem hat, meldet er sich im Servicecenter und das Problem wird durch den Bot bearbeitet. Wir haben auch in der Finanzbuchhaltung intelligente Systeme, um einfache Abrechnungsvorgänge zu bearbeiten. Die Grenzen dessen, was als einfach gilt, werden aber stetig verschoben. Das heißt, je intelligenter diese Systeme durch uns Menschen werden …

Ogolla: … weil wir sie mit Daten füttern und sie dadurch lernen …

Bednarski: … genau, die werden ja nicht von allein intelligent. Also, je intelligenter wir diese Systeme machen, desto mehr finden sie Einzug ins Arbeitsleben.

Ogolla: Wenn wir heute intelligente Systeme einsetzen, dann vor allem, um einzelne Tätigkeiten in einem Arbeitsprozess zu automatisieren, nicht den kompletten Job auf einmal. Vieles davon ist unsichtbar – dass ein Roboter kommt und sich an meinen Arbeitsplatz setzt, ist also ein falsches Bild. Und letztendlich gibt es in Tätigkeiten immer auch menschliche Komponenten, die wichtig sind.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Ogolla: Um beim Kundendienstbeispiel zu bleiben: Es gibt Aufgaben, die ein Bot super bearbeiten kann – ganz einfache Anfragen wie "Wann kriege ich meine nächste Rechnung?". Aber wenn die Kundin oder der Kunde große Probleme hat, sich sehr aufregt, sehr emotional ist, dann braucht es natürlich einen Menschen, der die Person betreut.

ZEIT ONLINE: Warum wollen Arbeitgeber KI einsetzen?

Ogolla: Ich habe den Eindruck, dass die Motivationen ganz unterschiedlich sind. Es gibt diejenigen, die sagen: Alle machen irgendwas mit KI, wir wollen auch was mit KI machen. Dann gibt es diejenigen, die merken: Wir können in unserem Geschäftsmodell etwas verbessern mit KI. Und, ich glaube, viele setzen KI einfach ein, weil sie sich erhoffen, Arbeitsprozesse effizienter zu gestalten und höhere Gewinne zu erwirtschaften.

Bednarski: Letzteres teile ich absolut. Wir leben im Kapitalismus, jedes Unternehmen will so viel Profit machen wie nur möglich. KI ersetzt den Menschen als Produktionsfaktor, dadurch kann ich Effizienz steigern und Lohnkosten senken.

ZEIT ONLINE: Aus Arbeitgebersicht klingt das super, für Arbeitnehmende dagegen furchtbar. Oder?

Ogolla: In meinem persönlichen Arbeitsalltag gibt es auf jeden Fall Dinge, die ich gern an einen Bot abgeben würde, Reisekostenabrechnungen zum Beispiel. Da wäre ein Bot eine Entlastung. Andererseits wäre es auch nicht gut, wenn wir alle Routinetätigkeiten abgeben würden. Denn dadurch würden die Anforderungen steigen, man müsste sich viel häufiger auf viel komplexere Aufgaben konzentrieren.