Dies ist die Geschichte von drei Freunden, die mit einem Google-Doc und einem massiven Silberring die Welt retten wollen. Also, zumindest ihren Teil dazu beitragen wollen: weniger Fleisch essen, Flüge und Plastiktüten vermeiden, nur noch faire T-Shirts kaufen. Da die Freunde fanden, dass sie ihr Potenzial hier bisher nicht ausgeschöpft hatten, beschlossen sie zu testen, ob es besser klappt, wenn sie ein Spiel daraus machen. Sie nennen es "Moral Games".

Zu diesem Spiel gehört, dass die Freunde regelmäßig einen von ihnen zum "Moral King" erklären: denjenigen, der zuletzt das moralisch vorbildlichste Leben geführt hat. Wer das ist, ermitteln sie mit dem Google-Doc. Dort tracken sie gemeinsam ihre Moral-Performance. Der "Moral King" darf während seiner Amtszeit, der kommenden Spielrunde der "Moral Games", den Silberring tragen. "Daraus wird noch ein Siegelring mit Gravur", sagt Chris. "Da kommt dann noch eine Krone drauf und die Buchstaben MK, für Moral King."

Chris Starke, Cyril Brandt und Nils Köbis, alle Anfang 30, kennen sich seit Jugendtagen. Heute arbeiten sie als Wissenschaftler oder wissenschaftsnah, beschäftigen sich beruflich mit politischer Kommunikation, Verhaltensökonomie, Sozialpsychologie und Bildungsprojekten in Konfliktregionen. "Uns ist bewusst, dass das alles etwas schräg wirkt, wenn man von außen drauf schaut", sagt Chris.

Die "Moral Games" spielen Chris, Cyril und Nils seit etwa vier Jahren. Sie begannen, weil sie ihr Konsumverhalten ändern wollten, im Alltag mehr im Einklang mit ihren Werten leben wollten. Es ging ihnen vor allem um Nachhaltigkeit und Umweltschutz, aber auch um faire Produktionsbedingungen. "Wir haben uns zwar alle in antirassistischer Arbeit, für Menschenrechte, in der Flüchtlingshilfe oder in der Bildungsarbeit engagiert", sagt Cyril. "Doch bei den alltäglichen Entscheidungen haben wir gemerkt, dass wir keine signifikanten Fortschritte machten."

Wir haben als Gruppe eine Lösung gesucht, keine individuelle.
Chris Starke

Chris, Cyril und Nils hatten alle, jeder für sich, schon mal versucht, ihr privates Konsumverhalten zu verändern: Cyril sei zumindest mit dreizehn mal für ein Jahr Vegetarier gewesen. Danach aß er wieder Fleisch. Nils habe aus ethischen Überlegungen viele Jahre keine Turnschuhe von Nike mehr gekauft – zu H&M ging er jedoch weiterhin. Chris boykottiere ein paar große Konzerne, zum Beispiel Amazon. Sein Boykott sei mal mehr und mal weniger konsequent. Sie scheiterten also an ihren eigenen Ansprüchen. Vom moralischen Einzelkämpfertum wollten sie deshalb weg, sagt Chris: "Wir haben als Gruppe eine Lösung gesucht, keine individuelle."

Ihre "Moral Games" haben ein ausgefeiltes Regelwerk. Chris, Cyril und Nils haben es gemeinsam entwickelt und immer wieder angepasst. Grob funktioniert das Ganze so: In fünf verschiedenen Kategorien sammelt jeder von ihnen Plus- und Minuspunkte. Kategorie 1 ist Fleisch essen, Kategorie 2 Fisch essen, 3 Plastikverbrauch, 4 Bio- und Fair-Trade-Produkte und 5 Lebensmittelverschwendung.

Zwei Minuspunkte für einen To-Go-Becher

Jeder Spieler startet bei Null in eine neue Woche. Um Pluspunkte zu bekommen, muss man in einer Kategorie eine perfekte Woche schaffen: Wer zum Beispiel sieben fleischfreie Tage vorweisen kann, darf sich zehn Punkte gutschreiben. Für Nachhaltigkeitsfails gibt es Abzüge: ein Fischstäbchen essen? Macht sechs Minuspunkte. Ein Steak: zwölf. Für einen To-Go-Becher gibt es zwei Punkte Abzug. Wer sich ein nicht fair produziertes Kleidungsstück kauft, muss sich zehn Prozent des Preises als Minuspunkte aufschreiben.

Welches Verhalten wie bepunktet wird, entscheiden die Freunde zusammen. Dabei orientieren sie sich an Fragen wie etwa: Wie schlimm sind die ökologischen Folgen eines Verhaltens? Wäre es einfach möglich, anders zu handeln?