Sitzen zehn Millionen Follower in einem Raum. Was wie der Beginn eines mittelguten Witzes klingt, ist an diesem Montagabend in Berlin-Kreuzberg Realität. Waldemar Zeiler verkauft mit seinem Start-up Einhorn eigentlich vegane Kondome und Bio-Periodenprodukte, heute hat er rund fünfzig Prominente in sein Büro geladen. Sie sollen dafür sorgen, dass seine neue Idee die Massen erreicht: Zeiler will im Juni kommenden Jahres im Olympiastadion in Berlin eine Bürgerversammlung veranstalten. Er will Aktivistinnen und Aktivisten eine Bühne geben und mit mindestens 60.000 Menschen live Petitionen an den Bundestag schicken.

All das soll an diesem Donnerstag auf Instagram beginnen. Zeiler muss noch einen neuen Account für das Crowdfunding aufsetzen, denn nur wenn genug Menschen für 29,95 Euro ein Ticket für die Bürgerversammlung kaufen, funktioniert seine Idee. Der Popsänger Andreas Bourani, die Autorin Charlotte Roche und die Moderatorin Jeannine Michaelsen unterstützen ihn, sie sitzen deshalb in den Büroräumen von Einhorn. Laut diskutieren sie über den Namen des neuen Accounts. Soll er den Begriff Olympiastadion enthalten? Wie wäre es mit Future? Schauspielerinnen, YouTuber, Influencer, alle reden durcheinander.

Zeiler, Hipster-Bart, Hipster-Brille, Hipster-Hemd, steht vor der Gruppe. Seine Arme weit geöffnet, er versucht die Diskussion zu ordnen. "Einer nach dem anderen", ruft Zeiler. Auf der Leinwand hinter ihm ist das Anmeldefenster zur Erstellung eines Instagram-Profils zu sehen. Immer wieder tippt Zeiler Änderungen ein. 15 Minuten geht das so. Dann heben alle ihre Hände, spreizen die Finger und schütteln sie schnell – das vereinbarte Zeichen für Zustimmung. "So stelle ich mir eine Bürgerversammlung vor", sagt Zeiler. Er klingt dabei wie ein Idealist, wie ein Aktivist. Nicht wie ein Unternehmer.

Mission oder Marketing?

Das Potenzial politischer Kampagnen hat Zeiler Anfang dieses Jahres entdeckt. Im Februar startete das Unternehmen Einhorn seine erste Petition. Die Forderung: den Mehrwertsteuersatz für Periodenprodukte von 19 auf sieben Prozent absenken. Über 80.000 Unterschriften kamen zusammen. Kurz danach verkündete Finanzminister Olaf Scholz, dass die Steuer gesenkt werden soll. Ein politischer Erfolg, für den sich schon seit Jahren unterschiedliche Initiativen einsetzen. Aber auch einer, von dem Einhorn als Hersteller der Produkte profitiert.

Weil diese erste Aktion so gut geklappt hat, will Einhorn-Gründer Zeiler nun die größte Bürgerversammlung Deutschlands organisieren. Dort sollen im nächsten Jahr Zehntausende Menschen Petitionen zum Klimawandel, zur Mietenfrage, zur Erbschaftsteuer verabschieden. Sein neues Vorhaben geht weit über die Abschaffung der Tamponsteuer hinaus. Zeiler will die Eventisierung der Demokratie, so nennt er es, am besten gleich alle gesellschaftlichen Probleme an einem Samstag lösen.

Darf ein Unternehmer wie Zeiler zum Aktivisten werden? Oder ist das alles nur Marketing? Wer Zeiler verstehen will, muss den Kosmos Einhorn begreifen. Einhorn will nicht nur ein Start-up sein, das vegane Kondome verkauft. Einhorn gibt vor, erst die Wirtschaft und dann die Welt verändern zu wollen, "unfucken" nennen sie das. In zehn Jahren will Einhorn das erste gewinnorientierte Unternehmen sein, das den Friedensnobelpreis erhält, sagt Zeiler.