Ein Altbau in einem Kreuzberger Hinterhof. In zwei Büroetagen treffen sich seit Monaten Einhorn-Angestellte und Klimaaktivistinnen, um an der Bürgerversammlung zu feilen. Unter ihnen sind Organisatorinnen von Fridays for Future, Scientists for Future und eine Reihe anderer freiwilliger Helfer. Zeiler hat sie zusammengebracht. Ein großer Mittelfinger begrüßt die Gäste, ein Spielautomat mit Greifarm ist mit Kondomen gefüllt, an Laptops kleben Botschaften wie "Gegen jeden Antisemitismus". Es gibt eine Tischtennisplatte, einen Kühlschrank voller Club Mate, ein Zimmer ist hinter einer Schrankwand versteckt und lässt sich nur mit einem kräftigen Zug an einem Plastikpenis öffnen. Ein Büro wie ein Mix aus schrillem Freizeitpark, Teenagerhumor und sämtlichen Start-up-Klischees. 

Von hier aus organisieren Einhorn-Mitarbeiter und Aktivistinnen die Bürgerversammlung, die untere Etage haben sie "Wahlkampfzentrale" getauft. In einem Hinterraum lagert das Unternehmen seine Produkte. Einhorn vermischt bewusst Aktivismus und Unternehmertum, auch wenn Zeiler immer wieder betont, dass er sein Geschäft von der Aktion im Olympiastadion trennen wolle. Er spricht dann davon, dass es ihm um die Sache gehe, dass der Klimawandel nur gestoppt werden könne, wenn alle handeln. Davon, dass es so viele Ideen gebe, die Welt besser zu machen. Er bleibt dabei im Ungefähren, verspricht aber, dass es im Stadion keine Produkte und keine Werbung geben solle. Kurz bevor die Influencer die Auftaktparty im Büro betreten, hat er im ganzen Raum den Firmennamen abkleben lassen.

Doch eines ist offensichtlich: Wird die Bürgerversammlung ein Erfolg, ist Zeilers Unternehmen untrennbar damit verbunden. Einhorn kann damit sein Image der Weltverbesserfirma weiter stärken. Ob mit oder ohne Werbung im Stadion, Zeiler wird überall präsent sein, auch an diesem Abend in Kreuzberg ist er der Mittelpunkt. Am Tag danach wird er ein Radiointerview geben, auch dieser Artikel beschreibt das Geschäft von Einhorn, weil es eng mit der Idee der Bürgerversammlung verbunden ist. Einhorn gibt laut eigenen Angaben keinen Cent für Marketing aus. Aktionen wie die Petition oder nun das Event sorgen für Aufsehen, bringen kostenlose Werbung – und könnten Einhorn fest im politischen Aktivismus verankern.

Wie das Start-up die Wirtschaft hacken will

Bis vor Kurzem war die Einhorn-Mission eine andere. Zeiler sagt, dass er mit seinem Start-up das Wirtschaftssystem neu denke. Er nennt das unfuck the economy. Eine Wirtschaft ohne Renditeerwartungen. Ein Kapitalismus ohne Kapitalismus. Vor vier Jahren hat Zeiler Einhorn gemeinsam mit seinem Kollegen Philip Siefer gegründet. Ein Unternehmen, das nach eigenen Angaben für seine Kondome keine Regenwälder abholzt und die Kautschukbauern fair bezahlt. 50 Prozent der Gewinne investierten sie in soziale Projekte, sagt Zeiler. Ende des Jahres solle Einhorn zu einer Self-Owned-Company werden. Also zu einem Unternehmen, das sich selbst gehört und nicht mehr verkauft oder vererbt werden kann. Schon heute gebe es bei Einhorn keine Chefs, sagt Zeiler. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden selbst entscheiden, wie viel sie arbeiten und wie viel Urlaub sie nehmen. Die Gehälter aller Kolleginnen und Kollegen können sie in einer Tabelle einsehen und gemeinsam diskutieren.

Mit dieser Idee eines anderen Wirtschaftens touren Zeiler und Siefer von Vortrag zu Vortrag. Dax-Konzerne zahlen 3.000 Euro für 45 Minuten mit einem der beiden Gründer. Quickie Konsulting nennen sie das. Damit würden sie "Wirtschaftslenker" erreichen und langfristig das System verändern, sagt Zeiler. Das klingt idealistisch. Gleichzeitig verdient Einhorn Geld damit, anderen zu erklären, dass Geld nicht entscheidend ist. Einhorn wächst mit Wachstumskritik – und dürfte durch die Bürgerversammlung an Bekanntheit gewinnen, künftig noch mehr Unternehmen gegen Bezahlung belehren.