Wenn man schon ins Krankenhaus muss, dann macht es einem das Children’s Hospital in Los Angeles wenigstens so nett wie möglich. Durch die Flure der Kinderklinik watschelt ein dicker Corgi, den die jungen Patientinnen und Patienten streicheln dürfen. Von den sonnengelb gestrichenen Wänden winken Eisbärenbabys und im Foyer singt eine Liveband.

Spielen gegen den Schmerz

Wer mit dem im Giraffenmuster gefleckten Aufzug in den siebten Stock des Kinderkrankenhauses fährt, für den hat Jeff Gold noch mehr Unterhaltung parat: In seinem winzigen, mit bunten Kinderzeichnungen dekoriertem Büro setzt der Kinderpsychologe interessierten Besucherinnen und Besuchern eine Virtual-Reality-Brille der Firma Oculus auf. Mit ihr tauchen sie in eine virtuelle grüne Plüschwelt ein. Sofort laufen von allen Seiten pinkfarbene Teddybären herbei. Mit Kopfbewegungen lassen sich flauschige lila Bälle dirigieren. Wenn man die Bären trifft, fallen sie laut glucksend und kichernd auf den Rücken.

Gold hat das Spiel Bear Blast in Zusammenarbeit mit der Softwarefirma AppliedVR für Kinder und Teenager von zehn bis 21 Jahren entwickelt, und zwar speziell für schmerzhafte Prozeduren wie Blutabnahme oder Chemotherapie. Das ist auch der Grund, warum man beim Spiel die Hände nicht bewegt, denn die Pfleger müssen Zugang zu den Venen finden.

Bloß nicht Bären quälen

"An der VR-Umgebung haben wir lange gearbeitet", sagt Gold. "Der Softwareentwickler hatte eigentlich ein Spiel, mit dem man auf die Bären schießt, bis sie platzen. Die schrien dann laut 'Aua!'. Das ist natürlich nicht hilfreich, wenn das Ziel ist, Schmerzen zu lindern." Diese Form von Spielen erinnert die Kinder an ihren eigenen Schmerz.

Gold zeigt ein Video, wie die ungewöhnliche Schmerztherapie in der Praxis funktioniert: Der zwölfjährige Anthony (alle Namen der Kinder geändert) bewegt seinen Kopf mit der VR-Brille ruckartig in die Luft.  Eine Krankenschwester bereitet währenddessen eine intravenöse Kanüle vor. "Au, au", wimmert er leise, als sie ihm die Spitze in seinen Arm sticht, aber seine Mutter wird hinterher sagen: "Das ist überhaupt kein Vergleich zum letzten Mal, ohne VR hat er geschrien und geweint." Der 15-jährige Ben zeigt keine Regung, als eine Pflegerin den Portkatheter auf seiner mageren Brust für die Chemotherapie anzapft. Er wirkt vollauf in Bann gehalten von Bear Blast.

Teufelskreis aus Angst und Schmerzen

"Wenn man Kinder mit Cartoons, Bilderbüchern oder Videos ablenkt, funktioniert das auch – aber VR ist wesentlich effektiver", hat Jeff Gold herausgefunden. "Denn unser Gehirn macht keinen Unterschied zwischen der virtuellen und der realen Umgebung. Ein Kind sieht einen Cartoon, aber bei VR ist es aktiver Teilnehmer der Spielwelt."

Wie stark eine Person Schmerzen empfindet, hängt auch davon ab, wie sehr sich die Aufmerksamkeit darauf richtet. Wer Angst vor Schmerzen hat, verkrampft erst recht. Der Schmerz verstärkt sich – und damit auch die Angst. Ein Teufelskreis. Mit dem VR-Game will Gold ihn durchbrechen. Auch Kindern, die kein Blut sehen können, will er so helfen. "Wir können nachweisen, dass die Kinder beim Spielen Endorphine produzieren, also körpereigene, schmerzlindernde Stoffe. Das sind natürliche Opioide." Ein paar Mal, erzählt er, hätten die Patienten gefragt, wann es denn endlich losginge mit der Blutabnahme. Sie seien so in das Spiel versunken gewesen, dass sie nicht bemerkt hätten, dass die Prozedur schon vorbei war.