Es gibt einen Ort in Deutschland, in dem nie ein Zug hält, in dem man keinen E-Scooter leihen und kein Uber rufen kann – und der doch in vielem fortschrittlicher ist als jede Großstadt. Dieser Ort heißt Monheim am Rhein. Auf den ersten Blick eine durchschnittliche deutsche Stadt: Knapp 44.000 Einwohner, ein paar Klinker- und Fachwerkhäuser in der Innenstadt, ein etwas in die Jahre gekommenes Schwimmbad. Und ein Bürgermeister, dessentwegen in den vergangenen Jahren immer wieder mit Bewunderung auf Monheim geschaut wurde – aber auch mit Neid.

Dieser Bürgermeister heißt Daniel Zimmermann. Er schafft, was in vielen anderen Kommunen und auch auf Landes- und Bundesebene oft nicht gelingt: Ab dem Frühjahr sollen Monheimerinnen und Monheimer kostenlos Bus fahren können. Schon jetzt kann man an vielen Orten in der Stadt gratis im öffentlichen WLAN surfen. Kitaplatzmangel gibt es in Monheim nicht, allein im vergangenen Jahr hat Zimmermann vier neue Kitas eröffnet, alle sind beitragsfrei, was in Nordrhein-Westfalen bisher nicht der Normalfall ist. Zuletzt schrieben regionale und überregionale Medien über Zimmermann, weil er jedem 18- bis 20-jährigen Monheimer ein Interrail-Ticket schenkt.

Als Zimmermann 2009 das Amt übernahm, war er mit 27 Jahren der jüngste Bürgermeister in Nordrhein-Westfalen. Plötzlich hatte er ein Büro, das größer war als seine Einzimmerwohnung. Seitdem hat er die Stadt von ihren Schulden befreit. Monheim erwirtschaftet nun jedes Jahr einen Überschuss in zweistelliger Millionenhöhe. Mit diesem Geld finanziert Zimmermann all die schönen Dinge, für die Monheim als fortschrittlich gefeiert wird.

Die alles entscheidende Gewerbesteuer

Dass Monheim genug Geld hat, um einen kostenlosen ÖPNV oder stadtweites WLAN anzubieten, hat einen einfachen Grund. Etwas, wovon Zimmermann im Nachhinein sagt, dass es die wichtigste Maßnahme seit seinem Amtsantritt war: Anfang 2012, knapp zweieinhalb Jahre nachdem er zum Bürgermeister gewählt worden war, begann er, die Gewerbesteuer immer weiter zu senken. Heute hat Monheim einen ähnlich niedrigen Steuersatz wie manche bayerischen und brandenburgischen Gemeinden, im Rest von Nordrhein-Westfalen aber liegt der Satz überall weit höher. Zimmermann hat Monheim zur "Steueroase in der Steuerwüste" gemacht, wie er es selbst ausdrückt, sozusagen zum Irland NRWs.

Er könne Bürgermeister verstehen, die nicht wüssten, wo sie das Geld hernehmen sollten, um Kitas und Schulen zu bauen und es ungerecht fänden, dass es in Monheim nicht an Geld fehle, sagt Zimmermann. So einfach können sie sein Konzept schließlich nicht kopieren. In seinem geräumigen Büro hängen kleine Fotos an der Wand, auf vielen ist Zimmermann zu sehen, wie er mit anderen Monheimerinnen und Monheimern in die Kamera grinst. Heute trägt er ausgewaschene Chinos und Sneaker. Er spricht ruhig und zurückhaltend. Eigenartig sei es ja schon, sagt er, "dass manche nur auf die Landes- oder Bundesregierung schimpfen". Um in einem Ort etwas zu ändern, brauche man diese beiden Ebenen gar nicht.