"Wenn wir zu langsam digital werden, könnte die Kultur Europas in Zukunft darunter leiden", heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung von EU-Medienkommissarin Viviane Reding und Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy zum Thema Google Books. Beide warben in Brüssel dafür, nicht nur die kritischen Seiten des Projekts zu sehen. Google scannt weltweit Bücher ein und schürt damit die Sorge von Autoren, übervorteilt zu werden.

In einem zweitägigen Treffen befasst sich die EU-Kommission derzeit mit der Digitalisierung der Weltbuchbestände. Anlass ist die jüngste Einigung amerikanischer Autoren mit dem Internet- und Werbeunternehmen. Indirekt sind von dieser Einigung auch europäische Autoren betroffen, insofern ihre Werke und Übersetzungen in den amerikanischen Bibliotheken ungefragt gleich mit eingescannt wurden. Zu Recht wehren sich deutsche Autoren und Verleger gegen die Verletzung ihrer Rechte. Google-Sprecher Bill Echikson kündigte in Brüssel jetzt Zugeständnisse an. So würden Vertreter von europäischen Verlegern und Autoren künftig an der Aufsicht des Projekts beteiligt.

Das ist durchaus ein Erfolg. Doch geht es in der Debatte auch noch um einen zweiten Punkt, die Digitalisierung gemeinfreier Werke. Sie dürften die Mehrzahl der Bestände ausmachen, die Google derzeit in den Bibliotheken der Welt scannt. Im Fall europäischer Texte heißt gemeinfrei: Die Urheberrechte sind erloschen, weil der Rechteinhaber schon mehr als 70 Jahre tot ist. Von Kritikern werden diese Fälle gerne mit der Urheberrechts-Problematik in einen Topf geworfen. Dahinter steht ein generalisiertes Misstrauen gegenüber den Umtrieben des Unternehmens.

Das wäre ein Fehler. Google arbeitet bereits mit rund 30 Bibliotheken weltweit zusammen, darunter der Bayerischen Staatsbibliothek in München, der britischen Oxford Library und der Französischen Nationalbibliothek. Google trägt dazu bei, Werke zugänglich zu machen, die vielen Menschen bislang verschlossen waren, nicht zuletzt in Ländern mit einer deutlich schlechteren Infrastruktur als Westeuropa.

Zum Vergleich: In der von der EU-Kommission angeregten digitalen Bibliothek Europeana finden sich bislang 4,6 Millionen Bücher, Bilder, Musikstücke und Filme. Das sind gerade einmal fünf Prozent aller digitalisierten Bücher in der EU. Vielen Bibliotheken ist das Scannen und Bearbeiten der Werke zu teuer. Kommissarin Reding sprach sich daher in Brüssel für eine engere Kooperation mit privaten Geldgebern aus.

Vor allem Bundesjustizministerin Brigitte Zypries hatte sich als Kritikerin hervorgetan, sie warf Google "schlicht rechtswidriges" Verhalten vor und warnte vor einer Monopolstellung des Unternehmens. Im Moment sei die Nutzung von Google Books zwar kostenfrei, aber das könne sich schnell ändern, wenn Google zum Beispiel verkauft werde. Auch aus dem Kulturstaatsministerium hieß es, es könne nicht angehen, dass der freie Zugang zum kulturellen Erbe den Kapitalinteressen einer einzigen Firma unterworfen sei.

Das ist Unsinn. Auch Zeitungen haben gemeinfreie Werke neu aufgelegt und reihenweise verkauft, ohne dass sich jemand darüber aufgeregt hätte. Zudem wäre es übertrieben, von einer Enteignung der europäischen Literatur zu sprechen. Google steckt immense Summen in die Digitalisierung, allein die Kooperation mit der Bayerischen Staatsbibliothek kostet das Unternehmen bis zu 60 Millionen Euro. Dennoch erwirbt es damit keinen Alleinverwertungsanspruch. Schließlich stünde es anderen Unternehmen frei, es Google gleichzutun. Zudem verbleiben Kopien wie Originale bei den Bibliotheken.