Eigentlich ist Digitaltechnik ein Mittel der Reduktion. Wer am Computer Musik macht, der schmilzt im Zweifel ein ganzes Konzert-Ensemble zusammen auf einen winzigen Punkt zwischen Software, Prozessor und Festplatte. Genau den umgekehrten Weg gehen Jeff Liebermann und Dan Paluska mit ihrem Absolut Quartet .

Der Zuschauer betätigt am Computer eine simple Klavier-Tastatur. Fünf Sekunden hat er, um seine Tonfolge einzutippen. Dann bringt das Absolut Quartet das Motiv in einem dreiminütigen Konzert zum Klingen – und zwar vermittels einer gigantischen Apparatur: Ein Xylophon wird von 42 Roboterarmen mit kleinen Gummibällen beschossen und erzeugt Glockenspieltöne. Die Harmonien steuert eine Orgel aus Weingläsern bei, gespielt ebenfalls von Roboterfingern, die benetzte Lederhandschuhe tragen. Dazu ertönen Percussions: Djembe und Cajon zum Beispiel.

Das Ergebnis ist erhebend. Man hat ein paar Tasten gedrückt, ungelenk und wahllos. Und darf sich auf einmal fühlen wie der Urheber eines wohlklingenden Kunstwerks.

Dass der Zuschauer sich bei der Ausstellung Poesie der Bewegung weniger selbst infrage gestellt, und hauptsächlich gut unterhalten fühlt, hat vermutlich vor allem zwei Gründe: Zum einen ist der Berliner Ableger der Ars Electronica in die rund 10.000 Quadratmetern des Volkswagen Automobilforum, Unter den Linden 21, eingezogen. Volkswagen finanziert die Schau und wird hier sicherlich auch in Zukunft weniger zerschnittene Genitalien denn Kunst ausstellen, die, wie es ein Marketingexperte vermutlich formulieren würde, "zur Marke passt". Und es liegt auch am Genre selbst: Medienkunst beweist hier großes Talent zum Unterhaltungskünstler. Das liegt an der Nähe zu Mitmach-Medien wie dem Computerspiel.

"Es ist sind alle begeistert, von Männern, Frauen bis zu Kindern", sagt die nette, junge Frau, die den Besuchern bei Fragen hilfreich zur Seite eilt. Auch das ein ungewohnter Service, und man glaubt ihr sofort. Kostenlos ist die Ausstellung außerdem. Schon morgens um zehn streunen hier erstaunlich viele Menschen in kurzen Hosen, bunten T-Shirts und mit eilig in Taschen zurückgestopften Stadtplänen umher. Vielleicht wollten sie in dieser teuren Touristen-Region nur schnell kostenlos auf die Toilette. Doch jetzt drücken sie auf Knöpfe, testen, gucken, staunen.

Sehr beliebt neben der Lieberman-Orgel ist auch Tools Life von Kyoko Kunoh, Motoshi Chikamari und minim ++: Auf einem runden Tisch sind Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens ausgebreitet, ein Löffel, eine Taschenlampe, ein Wecker zum Beispiel. Wenn man sie berührt, verwandeln sich ihre Schatten in animierte Bilder. " Tool's Life zeigt nicht nur die Funktion der Gegenstände", heißt es dazu, "sondern erinnert vielmehr an zumeist unbeachtete Hintergründe und Bedeutungen ihrer Nutzung." Das liest sich etwas hoch gestochen. Warum aus der Taschenlampe eine Katze aufspringt, und aus der Zuckerdose Insekten krabbeln, offenbart nun keinen höheren Sinn.