Die Revolutionen in Tunesien und Ägypten zu Beginn des Jahres sind Errungenschaften der Internet-Generation. Mit ihren Smartphones machen die Menschen dieser Generation Fotos und Filmaufnahmen, die sie über soziale Netzwerke, wie zum Beispiel Facebook oder Twitter, verbreiten.

Neuen Medien und gesellschaftliche Umbrüchen stehen oft in enger Wechselwirkung. Das ist kein neues Phänomen. So waren schon Newsgroups, Mailing-Listen und Websites ein wichtiges Werkzeug für den Aufstand der Zapatistas in Mexiko 1994, um eine internationale Gegenöffentlichkeit zu erzeugen. In der Renaissance wurde die Malerei zum kritischen Medium. Während der Reformation und des Dreißigjährigen Krieges, also nach der Erfindung des Buchdrucks, wurden vor allem Flugblätter gegen die Kirchenmacht eingesetzt. Später, in der Zeit der Aufklärung, waren Zeitungen das Mittel bürgerlich-demokratischer Emanzipation.

Heute sorgen die sozialen Medien für gesellschaftliche Umbrüche. Wichtigstes Merkmal der sozialen Medien ist, dass die Nutzer user generated content anbieten können und somit die Unterscheidung zwischen Anbieter und Nutzer verschwimmt. Vernetzte Interaktion zwischen Menschen rückt in den Vordergrund. Welchen Einfluss hat das auf bestehende Machtverhältnisse? Um diese Frage zu beantworten, lohnt es sich, Michel Foucaults Verständnis von Macht zu bemühen.

Nicht weil sie alles umfasst, sondern weil sie von überall kommt, ist die Macht überall.
Foucault

Macht wird bei Foucault nicht einseitig von Herrschaftsregierungen ausgeübt, sondern liegt netzwerkartig und dynamisch zwischen allen gesellschaftlichen Akteuren. Zu diesen Akteuren gehören neben Menschen beispielsweise auch Objekte, verschiedene Denk- und Verhaltensmuster, Ressourcen, Techniken oder Krankheiten. Macht entsteht nach Foucault erst durch die Wechselwirkung zwischen den Akteuren und schafft dadurch soziale Ordnung und Gesellschaftsstrukturen. Es gibt keinen sozialen Raum jenseits von Machtbeziehungen und keine machtfreie Interaktion zwischen Menschen.

In den sozialen Medien werden netzwerkartige Machtverhältnisse deutlich, die Herrschaftsregime aufbrechen und neue Formen der Partizipation und des Widerstands ermöglichen. Wissen, das im social web via Text, Ton oder Bild vermittelt wird, kann eine Gegenöffentlichkeit schaffen.

Während in den klassischen Medien (Print, Radio oder TV) ein einseitiges, hierarchisches Produzenten-Konsumentenverhältnis als "Rede ohne Antwort" (Baudrillard) besteht, produzieren Nutzer in den sozialen Medien ihr eigenes Wissen, das dezentral und global verbreitet, bewertet und diskutiert werden kann. Dadurch entsteht eine Pluralität von Informationen, die bisherigen medialen Machtbeziehungen werden aufgelöst. Hinzu kommt, dass aufgrund der anonymen Online-Identitäten die konventionellen Typisierungen, wie zum Beispiel die sozio-ökonomische Lage, die politische Orientierung, die sexuelle Identität, die Herkunft oder die Religion, in den Hintergrund treten.

Die Demonstrationen im Iran 2009 oder die Umbrüche in Tunesien und Ägypten 2011 sind eindrucksvolle Beispiele dieser Entwicklung. Auch Wikileaks und das GutenPlagWiki zeigen, wie dynamische Gegenöffentlichkeiten aufgebaut werden können, die Macht auf Menschen sowie auf politische Verhältnisse ausüben. Die sozialen Medien entschieden im Fall Gutenberg über seine Karriere: Die Mehrheit der Internetnutzer war für einen Rücktritt, ein hoher Anteil der Nutzer klassischer Medien gegen einen Rücktritt.

Das soll jedoch nicht heißen, dass soziale Medien zwangsläufig zu Emanzipation führen. Sie benötigen Schlüsselsituationen wie die politischen Umbrüche in Tunesien und Ägypten, in denen sie Träger einer Gegenöffentlichkeit werden. Hier dienen sie dann als Werkzeug der Emanzipation, das in starre Herrschaftsregime eingreift und Machtverhältnisse demokratisieren kann.