Außenministerium will Microsoft zurück – Seite 1

Das Auswärtige Amt, das einst Vorreiter bei der Linux-Verwendung war, hat eine Kehrtwende verkündet. Der 2002 vollzogene Umstieg der hauseigenen Informationstechnik weg von proprietären Lösungen hin zu den kostenfreien Programmen aus dem Open-Source-Bereich wird rückgängig gemacht. Nach und nach werden noch in diesem Jahr alle Rechner wieder mit Software von Microsoft ausgestattet.

Die Free Software Foundation bewertet die Umkehr als "widersprüchlich " und kritisiert vor allem die Erläuterung der Bundesregierung für das Vorgehen. Die hatte auf eine Kleine Anfrage der Grünen geantwortet, dass das Auswärtigen Amt nicht von seiner bisherigen IT-Strategie abweiche . Quelloffene Software werde auch weiter dort eingesetzt, "wo dies technologisch und wirtschaftlich sinnvoll ist", hatte die Bundesregierung geschrieben. Lediglich die Arbeitsplatzrechner würden nun auf Windows 7 umgestellt. Im Übrigen habe eine interne Studie des Amtes ergeben, dass keine Strategie "(Microsoft, Mischform, Open Source)" überlegen sei.

Als Ursache der Umstellung nennt die Bundesregierung "erhebliche Beschwerden der Nutzer hinsichtlich Bedienbarkeit, Anwenderfreundlichkeit, fehlender Integration und mangelhafter Interoperabilität". Diese Probleme hätten mit quelloffener Software "nicht zufriedenstellend gelöst werden können".

Die Antwort zeige, erklärte daraufhin Matthias Kirschner, Deutschlandkoordinator der Free Software Foundation Europe (FSFE), "dass die Bundesregierung entweder wichtige Aspekte Freier Software nicht verstanden hat, oder dass die Regierung hier bewusst Freie Software im Allgemeinen und Freie Software-Unternehmen attackiert".

Auch die Grünen, die die Anfrage gestartet hatten, zeigten sich von der Antwort verwirrt. Konstantin von Notz, Medienpolitischer Sprecher der Grünen, schreibt in einem Blogpost dazu : "Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Antworten der Bundesregierung auf die von uns gestellten Fragen muten teilweise bizarr an." So sei nicht nachvollziehbar, warum das Auswärtige Amt weiterhin für alle umgestellten Rechner die Microsoft-Lizenzen bezahlt und die Schulungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unverändert durchgeführt habe, schreibt von Notz.

Die Bundesregierung hatte dazu erklärt, dass Dual-Boot-Lösungen nötig gewesen seien. Daher habe man die Windows-Lizenzkosten nicht einsparen können. Insgesamt seien außerdem die Kosten beim Einsatz quelloffener Software deutlich höher, heißt es in dem Bericht. Das liege vor allem daran, dass auch bei den Open-Source-Programmen regelmäßige Updates notwendig seien. Daneben verursache Windows deutlich weniger Schulungs- und Entwicklungsaufwand.

Der Journalist Markus Feilner merkt im Linux Magazin zu den kritisierten Kosten unter anderem an: "Warum allerdings die neuen Windows-7-Lizenzen kostenlos sein sollen, erschließt sich dem Leser nicht. Das Argument, Hardware für Linux sei teurer, klingt nach der Frühzeit von Linux, nicht nach dem derzeitigen technischen Stand."

Schon im Februar diesen Jahres hatte die Süddeutsche Zeitung von einem hausinternen Rundschreiben des IT-Chefs des Auswärtigen Amtes, Michael Groß, erfahren. Darin soll es unter anderem geheißen haben, das Außenministerium sei mit seiner Software-Strategie in der Bundesregierung allein geblieben. "Die Hausleitung hat daher im August 2010 die Entscheidung getroffen, dass wir bei den Arbeitsplatzrechnern wieder zu einem Microsoft-Windows-Ansatz schwenken." Es würden daher "2011 jene Arbeitseinheiten der Zentrale und Auslandsvertretungen, die derzeit mit Linux arbeiten, wieder auf das vertraute Windows-XP-Betriebssystem" umgestellt.

Probleme eher vor dem Bildschirm als dahinter

Damals hatte die SPD eine Anfrage dazu im Parlament gestellt. In einer Antwort auf die Kleine Anfrage des SPD-Bundestagsabgeordneten Oliver Kaczmarek hatte sich die Bundesregierung noch um eine klare Antwort gedrückt und nur von einer "Fortentwicklung der ursprünglichen ausschließlich auf quelloffene Software ausgerichteten IT-Strategie hin zu einer kooperativ ausgerichteten IT-Strategie im Rahmen der gemeinsamen Strategie des Bundes" gesprochen.

Noch im Jahr 2007 hatte das Auswärtige Amt hingegen verkündet, die Umstellung auf Open Source sei nach der ersten Fünf-Jahres-Bilanz ein voller Erfolg – und hatte das unter anderem mit der Kostenersparnis begründet.

So zitierte etwa heise online 2007 den damaligen IT-Verantwortlichen Rolf Schuster, das Auswärtige Amt sei "das mit Abstand günstigste Ministerium im Bund bei den IT-Kosten". Demnach hätte das Amt die Ausgaben pro Mitarbeiter sogar auf ein Drittel dessen reduziert, was Bundesministerien sonst für IT-Ausstattung ausgeben. Und das, obwohl 80 Prozent der Rechner im Ausland stünden, daher also unter Umständen teurer in Wartung und Klimatisierung seien.

Nun werden diese Rechner im Ausland wieder umgerüstet. Erläuternd heißt es dazu nun, die mit Open-Source-Produkten erstellten Dokumente hätten andere Stellen oft nicht korrekt darstellen und lesen können. Auch dringend erforderliche Funktionen wie der Überarbeitungsmodus würden nur mangelhaft oder gar nicht angeboten.

Des weiteren habe es Klagen über das E-Mail-Programm Thunderbird gegeben. Eigentümlicherweise wurde Thunderbird in einer Version aus dem Jahr 2006 verwendet. Aus Sicherheitsgründen hätte das Programm auch nicht aktualisiert werden können. Dafür macht der Bericht der Bundesregierung unter anderem die mangelnde Herstellerhaftung bei Freier Software verantwortlich.

Markus Feilner bringt dieses Problem in seinem Kommentar auf einen lustigen Nenner: mit dem Begriff der " Blameware ", den er in Analogie zu der sogenannten Malware definiert. Dazu zitiert er zunächst einen Ausschnitt aus der Problembeschreibung der Bundesregierung: "Eine Mängelhaftung gegenüber einem kommerziellen Anbieter konnte nicht beansprucht werden. Diese Verfahrensweise erwies sich auf Dauer – insbesondere beim Einsatz maßgeschneiderter Individualentwicklungen als sehr personalintensiv und unwirtschaftlich." 

Feilner schreibt dazu: "Wir lernen: Blameware ist Software, die zum Einsatz kommt, weil die IT-Leitung jemand externen braucht, um ihm die Schuld zuweisen zu können, wenn etwas nicht funktioniert. Ob eine Haftung realistisch einklagbar ist, spielt dabei keine Rolle, wichtig ist nur, dass die Verantwortung aus dem eigenen Haus raus ist."

Die Antwort der Bundesregierung macht nicht eindeutig klar, was die wahren Gründe für den Rückzug waren. Es klingt jedoch, als lägen die Ursachen eher vor dem Bildschirm als dahinter.