IBM beschäftigt nicht nur Ingenieure und Informatiker, sondern auch Wahrsager. Basierend auf den Ergebnissen der hauseigenen Forschungsprojekte und Denkfabriken beschreibt das Unternehmen seit Ende 2006 jedes Jahr fünf Technologien, die in fünf Jahren Realität sein sollen .

Die erste Prognose von 2006 ist jetzt überprüfbar. Und die Vorhersagen für 2016 sind in dieser Woche veröffentlich worden.

Zunächst der Rückblick auf die fünf Thesen von 2006, die nur in Teilen Realität geworden sind:

1. Wir haben Zugang zu unseren Gesundheitsdaten, von überall auf der Welt

Jederzeit Zugang zu den eigenen Gesundheitsdaten – was klingt wie ein Albtraum für Datenschützer, war für die IBM-Entwickler 2006 eine Vision, die bis 2011 wahr werden sollte. Ein Stück weit ist sie es, berichtet ein kanadisches IT-Magazin . Die Atlantic Health Science Corporation in Saint John, New Brunswick, hat ein Internetportal für ihre Diabetes-Patienten, die dort ihre Blutzuckerspiegel einsehen können und Hinweise bekommen, wie sie sich am besten verhalten.

Google hat in den USA den Dienst Google Health geschaffen, mit dem Patienten ihre bei Google gespeicherten Gesundheitsdaten von überall abrufen können. Allerdings stellt das Unternehmen den Dienst Anfang 2012 wieder ein. Die IBM-Entwickler dachten 2006 aber sowieso nicht nur an die elektronische Krankenakte, sondern auch an Echtzeitüberwachung von Herzrhythmus, Blutdruck oder Blutzuckerspiegel . Bei kluger Vernetzung, so die Vorstellung, kann der betreuende Arzt direkt per SMS informiert werden, wenn die Sensoren bei seinem Patienten Anomalien melden. Tatsächlich haben Ingenieure winzige Elektroniksysteme entwickelt, die sich – flexibel wie die menschliche Haut – als Tattoos aufkleben lassen, Herzströme analysieren und bei Gefahr warnen.

2. Sprachübersetzung in Echtzeit ist Realität

Die Globalisierung führt bis 2011 dazu, dass es Sprachübersetzung in Echtzeit gibt, sagten die IBM-Entwickler 2006. Zwei Anwendungen mit solchen Ansätzen verließen 2007 die IBM-Forschungslabore. IBM Mastor wurde entwickelt zur Kommunikation zwischen US-Militär und irakischen Streitkräften und Bürgern. Außerdem übersetzt das Programm vom Englischen in das moderne Arabische und Mandarin oder von diesen Sprachen zurück ins Englische. IBM Tales sollte Nutzern ermöglichen, Nachrichten in anderer Sprache zu suchen, anzuschauen oder anzusehen.

Das US-amerikanische Magazin Wired berichtete 2010 , dass Google-Entwickler ebenfalls an der Idee arbeiten. Diese Anwendungen für Smartphones sollen schnell genug übersetzen, damit zwei Menschen unterschiedlicher Sprache in Echtzeit miteinander sprechen können. Marktreif sind diese offenbar noch nicht.

Für das geschriebene Wort gibt es diverse Anwendungen, wie Google Translate oder die Apps Word Lens und Worlddictionary . Die Herausforderung bei solchen Anwendungen besteht vor allem in dem semantischen Verständnis, das die Software benötigt, da der Satzbau in vielen Sprachen nicht das gleiche Muster hat.

Möglicherweise ist IBM einer Lösung selbst am nächsten. Der IBM-Supercomputer Watson, der Anfang des Jahres zwei menschliche Kandidaten in der Quizshow Jeopardy besiegte , ist bereits erstaunlich gut in der semantischen Analyse von natürlicher Sprache.

3. Internet in der dritten Dimension

Inspiriert vom Spiel Second Life, hatten die IBM-Entwickler 2006 die Vision, dass sich das Internet bis heute zu einer 3D-Welt entwickeln würde. Darin sollten nicht mehr einzelne Welten existieren, sondern eine einzige vollkommen vernetzte . Kinder sollten so etwa durch virtuelle Regenwälder oder das antike Rom laufen können, was eine neue Form interaktiver Bildung ermöglichen würde. Erwachsene müssten nicht mehr in das Auto steigen, sondern könnten virtuell durch ihr Lieblingsmöbelhaus laufen und Ausstellungsstücke begutachten.

Vernetzter sind wir in sozialen Netzwerken heute tatsächlich, jedoch hat sich das Internet nicht in eine einzige 3D-Welt verwandelt. Einzelne virtuelle 3D-Welten gibt es nach wie vor und Experten von Intel prognostizieren das 3D-Internet für 2015 .

4. Technologien im Nanomaßstab verbessern die Umwelt

Zur Wasserreinigung und für effizientere Solarenergiesysteme sollen 2011 Nanostrukturen eingesetzt werden, sagten die IBM-Forscher 2006 voraus. Kohlenstoff-Nanoröhrchen werden heute tatsächlich als vielversprechende Kandidaten für effizientere Stromleiter gesehen , auch als Energiequelle sind sie im Gespräch oder als künstliche Muskeln . Ebenfalls auf molekularem Niveau entwickelten Nanoforscher das kleinste Auto mit Vierrad-Antrieb . In ferner Zukunft könnten sie etwa Medikamente zielgerichtet transportieren.

5. Unsere Mobiltelefone können unsere Gedanken lesen

Indem unser Telefon immer weiß, wo wir sind, erahnt es, was wir wollen – und kümmert sich sofort darum. Wenn wir einen Besprechungsraum betreten, schaltet sich automatisch die Mailbox ein. Gehen wir nach Feierabend auf dem Weg nach Hause an unserer Lieblingspizzeria vorbei, zeigt unser Telefon die aktuellen Angebote – dachten sich die IBM-Entwickler 2006.

Dank GPS und WLAN-Hotspots weiß unser Telefon heute tatsächlich fast auf den Meter genau, wo wir uns befinden. Und es gibt Apps , die uns daran erinnern, was wir noch erledigen wollten , wenn wir an einem bestimmten Geschäft vorbeikommen. Dass diese Vision auch in den aktuellen Vorhersagen für 2016 auftaucht, zeigt aber, dass auch die IBM-Entwickler noch nicht so weit sind, wie sie sein wollten.