"Vorsicht!" Alexander zieht gerade noch den Kopf ein, als ein blau flirrender Ball über ihn hinweg rauscht und im Nichts verschwindet. "Nicht erschrecken, war doch nur ein Holo", rufen die Jungs auf der anderen Straßenseite und laufen davon.

Nur ein Holo! Alexander flucht. Seit rund zwei Jahren, also seit 2035 etwa, haben sich Holografien im Alltag immer weiter verbreitet – selbst die Kinder nutzen die neue Technik. Via Laser wird ein räumliches Bild in den Raum geworfen, sogar bei Tageslicht ist es scharf. Die Spieleindustrie hat die neue Technik mit der Idee des Motion Control gekoppelt : Der Tabletcomputer erkennt die Bewegungen des Spielers, sodass dieser jedes Hologramm steuern kann. Fast alle Tablets verfügen mittlerweile über eine solche Funktion. Holos sind überall.

Möglich wurde die Technik durch einen radikalen Ausbau der Netze. Deutschland ist 2037 mit einem Glasfasernetz verbunden, das mehr Daten transportiert, als das menschliche Gehirn verarbeiten kann. Auch der Ausbau des Mobilfunknetzes ist vorangekommen: Unzählige kleine Antennen, an Häuserwänden und Laternen befestigt, machen es in vielen Städten möglich, dass auf den Tablets dreidimensionale Bilder entstehen – ohne ein Ruckeln. Computer-Prozessoren sind schneller geworden, auch wenn die Geschwindigkeit der Rechner nicht mehr ganz so rasch zunimmt. Die Technik und das Netz haben den Alltag verändert. Weit schneller als Ende des vergangenen Jahrhunderts.

Alexander setzt sich auf eine Parkbank und entrollt sein Tablet, das er um den Arm gewickelt hatte. Ein dreidimensionales Bild baut sich auf und zeigt die Daten, die in der Cloud lagern. Kaum noch jemand speichert Informationen und Programme lokal. Alexander schiebt mit der rechten Hand ein Arbeitsdokument nach hinten und fischt sich die Liste seiner Freunde. Die meisten erlauben ihm, ihren aktuellen Standort zu sehen: Tobias ist gerade in seinem Atelier in Paris, Lars in Berlin-Tempelhof, kleine Punkte auf einer Weltkarte. Manche verbreiten in Echtzeit Videos von ihren Ausflügen. Andere messen mit Ems ihren emotionalen Zustand und verbreiten den Status über die Netze.

Dienstleister bändigen den Informationsstrom

Auf der rechten Seite des Bildschirms läuft sein persönlicher Nachrichtenstream in einem Aggregator ein: Blogpostings, Tweets, Ems, Kurznachrichten, Schlagzeilen fließen durch seinen persönlichen Filter und werden priorisiert: rot heißt wichtig, gelb weniger wichtig, grün ist eher unwichtig. Etwas old school , aber anders lässt sich der Informationsstrom noch immer nicht handhaben. Alexander könnte sich zwar einen der Informationsbroker leisten, die ihre Dienst im Internet anbieten und ihm helfen könnten, jeden Tag den Strom zu durchforsten. Noch aber spart er sich das Geld und macht es lieber selbst.

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Alexander erinnert sich, wie er neulich auf dem Dachboden gedruckte alte Zeitschriften aus dem Jahr 2008 gefunden hat. Darin ging es um den Stress der Kommunikation: "Raus aus dem Hamsterrad", schrieb der Spiegel damals. "Mach langsam, mutiger Multitasker", titelte die New York Times . Die Schlagzeilen könnten auch heute noch erscheinen. Kommunikation ist anstrengend geblieben. Und doch staunen die Alten, wie gut die Jungen den Nachrichtenfluss beherrschen .

An den Universitäten heißt eines der wichtigsten Fächer Selbstorganistation, ein anderes Informationsmanagement. Hirnforscher, das Militär, Programmierer – sie alle haben daran gearbeitet, den Informationsfluss für jeden erträglicher zu machen. Jedes Tablet hat mittlerweile eine Funktion integriert, die den Nutzer für eine selbst gewählte Zeit radikal vom Netz abschneidet. Sounddesigner haben den Lärm der Kommunikationswelt verschönert. Viele Programme lassen sich per Sprache steuern und nicht mehr nur mit der Tastatur. Einige Firmen experimentieren mit Implantaten, die anhand der Gehirnströme messen können, wen man gerade anrufen will. Ein paar freaks lassen sich Bilder direkt auf die Netzhaut projizieren . Den meisten ist das zu abgefahren.