Entspannt schiebt Markus Beckedahl seinen Kinderwagen die Karl-Marx-Allee im Berliner Stadtteil Friedrichshain entlang. Neben dem kleinen Sohn des Netz-Aktivisten liegen Flyer, Info-Blätter und eine Rolle Absperrband. Ab und zu gibt er von dem Material etwas an einen der wohl etwa 500 Demonstranten, die mit ihm an diesem Samstag durch die Straßen ziehen. Sie sollen damit symbolisch Wege links und rechts der Demonstrationsroute versperren. Die Bedrohung im Internet auch offline erfahrbar machen, nennt Beckedahl das.

Etwas weiter vorne im Pulk läuft eine junge Frau, die eine Art Mundschutz mit der Aufschrift "Acta" trägt. Sie kann nicht erklären warum, sie kann nicht reden, denn sie hat ja dieses Acta, gibt sie mit den Händen zu verstehen. Ihre Freundin Sarah Bottor hilft aus: "Wir wollen unsere Freiheit im Internet behalten", erklärt sie. Es gehe um Grundrechte. Wofür Acta nun steht, hat sie nicht parat, aber das könne sich fast niemand merken.

Angst von Internetsperren

Anti-Counterfeiting Trade Agreement heißt es. Also etwa Anti-Produktpiraterie Handelsabkommen. In der Theorie wollen die unterzeichnenden Staaten damit internationale Standards zum Schutz des Urheberrechts festschreiben. Botter hat Angst vor der Praxis. Sie fürchtet, dass dadurch Internetsperren ermöglicht werden, dass sie im Netz jederzeit überwacht werden kann. "Und dann noch diese Sache mit den Generika", sagt Botter und schielt auf ihren Flyer. Markus Beckedahl hat dort kurz die Infos gegen Acta zusammengetragen. Dazu gehört auch, dass Medikamente, sogenannte Generika, bei verschärftem Urheberrecht teurer werden könnten. Aber das ist heute nicht Thema. Heute geht es ums Internet.

"Wenn ihr uns unser Internet wegnehmt, nehmen wir euch eure Faxgeräte weg!", ruft Beckedahl über den Lautsprecherwagen. Das geht an die Adresse der Europaabgeordneten. Anfang Juli muss das Europäische Parlament über Acta abstimmen. "Schreibt euren Abgeordneten. Am besten einen Brief", sagt Beckedahl zum Schluss seiner Rede, die er natürlich von einem iPad abließt. Als wäre es ein Kampf offline gegen online, die alte gegen die neue Generation.

Beckedahl ist 35, "und damit wohl einer der Älteren." Noch älter ist Lothar Kurz. Sein grell-oranges Piratenpartei-T-Shirt verrät die Gesinnung des 58-Jährigen. Doch es verrät nicht, dass die relevanten Themen für ihn seit mehr als 20 Jahren gleich geblieben sind. 15 Jahre lang war er in der SPD. Dann kam in Berlin die Koalition mit der ehemaligen PDS. "Mit den ganzen alten Kadern und Stasi-Spitzeln", sagt Kurz heute. Er wechselte für mehr als zehn Jahre in die FDP. Erst im vergangenen Jahr trat er zu den Piraten über. Kontrolle und Überwachung sind auch heute noch seine Reizthemen. Nur die Fronten hätten sich eben geändert. "Von wegen Generationenkonflikt", sagt er.