Soziale Netzwerke spielen im Notfall keine Rolle

Der Anschlag beim Boston-Marathon hat gezeigt, mit welch' großer Selbstverständlichkeit Behörden in den USA die Möglichkeiten sozialer Netzwerke nutzen – in Krisenfällen und auch im Alltag. So etwa das Massachusetts General Hospital: Am Wochenende hatte das Krankenhaus via Twitter und Facebook noch für den Marathon geworben und während des Rennens die Läufer angefeuert. Nur wenige Stunden später informierte das Krankenhaus über Zahl und Zustand der Patienten.

Seitdem gibt das Krankenhaus Ratschläge zum Umgang mit traumatisierten Kindern und koordiniert Angebot und Nachfrage von Blutspenden. Darüber hinaus reagierte es am Montag auf erste Fehlinformationen in den Medien.

Deutlich stieg auch die Zahl der Follower des Krankenhauses nach den Bombenexplosionen an – ein Indiz dafür, dass US-Amerikaner in den vergangenen Tagen über soziale Netzwerke nach Informationen gesucht haben.

Ähnlich der Fall beim Boston Police Department, das derzeit über 115.000 Twitter-Follower und über 22.000 Freunde auf Facebook hat. Auf diesen Portalen gibt die Polizei Informationen zum Stand der Ermittlungen heraus. Gleichzeitig nutzt die Behörde den direkten Kontakt zur Bevölkerung: Sie sucht nach Hinweisen, Bildern und Videos, die Zuschauer während des Marathons aufgenommen haben.

Deutschlands Behörden hinken hinterher

In Deutschland steckt ein solches Informations- und Krisenmanagement noch in den Kinderschuhen. Das liegt unter anderem daran, dass im Vergleich zu den USA nur ein Bruchteil der Bevölkerung Twitter nutzt. Facebook immerhin hat rund 25 Millionen Nutzer. Dennoch ist es für große Krankenhäuser wie die Berliner Charité oder das Münchener Klinikum rechts der Isar wenig sinnvoll, Zeit und Geld in die Pflege eigener Twitter- oder Facebook-Seiten zu investieren. Es werde darüber nachgedacht, sagte eine Sprecherin aus München ZEIT ONLINE. Im Moment spielten solche Überlegungen aber eine untergeordnete Rolle.

Etwas konkreter denkt das Klinikum der LMU München über den Einsatz von Twitter und Facebook nach. Eigene Accounts hat das Klinikum bereits, die Nutzerzahlen sind jedoch marginal. Bei einer Tunnelübung im vergangenen Jahr in der Innenstadt hatten Mitarbeiter des Klinikums testweise getwittert. Für den Krisenfall seien diese Kanäle dennoch ungeeignet, sagte ein Sprecher der Klinik. Die breite Bevölkerung könne über diese Wege nicht erreicht werden, daher sei dies kein Bestandteil des derzeitigen Notfallplans. "Im Ernstfall würden wir den normalen Weg über die Massenmedien oder unsere eigene Website gehen", sagte ein Sprecher ZEIT ONLINE. Die Uni-Kliniken in Deutschland seien in Kontakt und beobachteten die Entwicklungen.

Keine Option für den Krisenfall

Die offiziellen Facebook- und Twitter-Seiten von deutschen Polizei- und Feuerwehrbehörden bleiben mit ihren drei- und vierstelligen Follower-Zahlen ebenfalls bedeutungslos. Selten erreicht eine Facebook-Seite wie die der Polizei Hannover eine Fangemeinde von mehr als 100.000 Menschen. In der Regel dienen die Portale dazu, Pressemitteilungen zu veröffentlichen, Kommunikation soll nicht stattfinden. Das zeigt etwa der Twitter-Account der Polizei Köln: Ein Sprecher sagte ZEIT ONLINE, dieser Account sei nicht auf Interaktion ausgerichtet.

Ob Polizeibehörden in Deutschland soziale Netzwerke nutzen dürfen, hängt zunächst von der Zustimmung des jeweiligen Innenministeriums ab. In einem weiteren Schritt entscheidet die jeweilige Behörde, ob sie Verwendung dafür sieht und Kapazitäten hat. Bei der Polizei Dortmund findet die Nutzung schon regelmäßiger statt als in anderen Kommunen und Bundesländern: Bei Fußballspielen und am sogenannten Anti-Kriegs-Tag im September 2012 twitterten Mitarbeiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit aus der Zentrale. Ein Einsatz von Twitter im Katastrophenfall sei für die Zukunft durchaus denkbar, sagte ein Sprecher. Zunächst müsse es aber weitere Tests geben. Den nächsten am 1. Mai, wenn wieder Ausschreitungen in der Stadt erwartet werden.

Katwarn-App in 13 Landkreisen im Einsatz

Zusätzlich gibt es eine App, die das Fraunhofer Institut Fokus für den Katastrophenfall entwickelt hat. Katwarn ist ein Warnsystem, an dem sich bislang 13 Landkreise beteiligen und das bislang vor allem bei Bränden oder Unfällen genutzt wird. Die jeweilige kommunale Stelle für Bevölkerungsschutz speist die Informationen ein. Der Nutzer entscheidet, aus welchen Gebieten er Warnungen erhalten will, sagte Niklas Reinhardt vom Fraunhofer Institut ZEIT ONLINE. Auch dieses System könne im Katatastrophenfall kein Ersatz für die klassischen Warnungen über Funk und Fernsehen sein. Jedoch: Leben seien damit schon gerettet worden.