Eine Warnung, fünf Ratschläge und ein gutes Ende

Systeme funktionieren nur, wenn es echte Kontrolle gibt. Gesetze und Medien genügen nicht – vielleicht hilft WikiLeaks

Zum Whistleblower zu werden ist nicht einfach. Und ich fürchte, dass die Anerkennung, die man dafür bekommt, die wahren Kosten für den Whistleblower verschleiert. Das sage ich im Rückblick, nach über zwölf Jahren.

Als ich mich 2001 an Enrons Vorstandschef Ken Lay wandte, um ihn vor Unregelmäßigkeiten in den Bilanzen zu warnen, glaubte ich, er würde eine Ermittlung einleiten. Ich war naiv und auch ein bisschen dumm. Ich hätte Kollegen drängen sollen, diesen Schritt mit mir zu gehen. Aber weil ich es allein durchzog, konnte Lay mich als Einzelstimme abtun.

Seine Reaktion war ein Grund dafür, dass 2002 das Sarbanes-Oxley-Bundesgesetz (das Vertrauen in die Bilanzführung großer Konzerne wiederherstellen sollte, Anm. d. Red.) um Schutzmaßnahmen für Whistleblower erweitert wurde. Sie wurden allerdings schon bald so verwässert, dass das US-Arbeitsministerium zwischen 2002 und 2008 in nur 17 von 1273 Fällen zugunsten von Whistleblowern entschied.

Im Jahr 2008 kollabierten Lehman Brothers, Merill Lynch und andere amerikanische Unternehmen. Als der Kongress die Hypothekenkrise zu untersuchen begann, stieß er an unerwarteter Stelle auf hilfreiche Informationen: in den vom Arbeitsministerium zurückgewiesenen Whistleblower-Beschwerden. Der Kongress beschloss daraufhin, Whistleblower stärker zu schützen, zum Beispiel indem er ihnen zwischen 10 und 30 Prozent der Geldstrafen, die den Unternehmen auferlegt werden, als Belohnung zufließen lässt. Dies ist das einzige positive Ergebnis nach über einem Jahrzehnt gesetzeswidrigen Verhaltens von Konzernen. Vor allem weil diese Belohnungen den Whistleblowern den Zugang zu juristischem Beistand erleichtern, den sie so dringend benötigen.

Systeme funktionieren nicht deshalb, weil es die Freiheit des Marktes oder die Freiheit der Rede et cetera gibt; sie funktionieren, weil es Kontrolle, also checks and balances gibt. Die USA sind ein junges Land, wir sind stolz auf unseren Wohlstand. Aber nach den Anschlägen vom 11. September 2001 haben wir eine Form von Patriotismus angenommen, die Kritik nicht zulässt und zusätzliche checks and balances als Kritik auffasst. WikiLeaks ist ein solches Kontrollwerkzeug. Unglücklicherweise ist WikiLeaks aber zugleich das, was ich, um im Bild zu bleiben, als einen ziemlich schweren Hammer beschreiben würde: Er kann genauso Gutes bewirken wie kaputt machen. Ich hoffe, dass WikiLeaks sich zu einem der effektivsten und transparentesten Kontrollwerkzeuge dieses Jahrhunderts entwickelt. Ich hoffe außerdem, dass die Bedrohung durch WikiLeaks dazu führt, dass mehr Konzerne auf interne Whistleblower hören.

Auch traditionelle Medien sind Kontrollwerkzeuge. Allerdings bin ich nicht sicher, ob sie den Whistleblowern glauben. Der Finanzanalyst Harry Markopoulos etwa, der jahrelang der Börsenaufsicht SEC und dem Wall Street Journal glaubwürdige Informationen darüber zukommen ließ, dass der Börsenmakler Bernie Madoff ein Schneeballsystem betrieb, wurde ignoriert.

Jeder muss selbst entscheiden, ob und wann er zum Whistleblower wird. Aber ich habe ein paar Ratschläge zu geben:

1. Versuche Kollegen zum Mitmachen zu bewegen.

2. Verstehe, dass es für die Mächtigen schwer ist, Fehler zuzugeben.

3. Gehe nicht davon aus, dass die Presse dir zuhört.

4. Gehe nicht davon aus, dass Aufsichtsbehörden dir zuhören.

5. Du sprichst vor den Mächtigen die Wahrheit aus – aber es nicht deine Aufgabe, sie auch zum Handeln zu bringen.

Bis heute gibt es Exkollegen, die mir aus dem Weg gehen. Aber glauben Sie nicht, dass alles schlecht sei. Ich bin einer der wenigen Whistleblower, die von Vorträgen und Reden leben können und die die Unterstützung Hunderter ehemaliger Kollegen und der Presse genießen. Mein Leben ist in nichts schlecht, im Gegenteil!

Aufgezeichnet von Heike Buchter, Übersetzung aus dem Englischen von Yassin Musharbash

Sherron Watkins, geboren 1959, war Vizepräsidentin des Dienstleistungs- und Energiekonzerns Enron. Im Jahr 2001 informierte sie die Konzernführung über Unregelmäßigkeiten in den Bilanzen; später stellte sich heraus, dass der Konzern systematisch Zahlen gefälscht hatte. Enron ging bankrott.