Böse Folgen der Wahrheit

Sie warnte als Erste vor BSE und wurde entlassen

Whistleblower werden immer noch oft als Nestbeschmutzer gesehen. So war es auch bei mir. Dabei hatte ich gar keine andere Wahl, als an die Öffentlichkeit zu gehen: Alles andere hätte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren können.

Damals war ich als Tierärztin im Fleischhygieneamt im schleswig-holsteinischen Bad Bramstedt angestellt. Anfang der neunzigerJahre stellte ich an mehreren Schlachtrindern Symptome fest, die auf Rinderwahnsinn hindeuteten. Ich habe zunächst versucht, alles intern zu klären, indem ich meinen Vorgesetzten mehrfach von den BSE-Verdachtsmomenten berichtete. Aber die zuständigen Behörden wollten meinen Hinweisen nicht ordentlich nachgehen. Also informierte ich 1994 das Fernsehen.

Für mich und meine Kinder hatte das extreme Folgen: Ich wurde im Alter von 54 Jahren fristlos entlassen und habe nie wieder eine Stelle als Tierärztin bekommen. Ich lebe heute sehr bescheiden, meine Rente liegt nur knapp über Hartz-IV-Niveau. Was wir in Deutschland dringend brauchen, ist ein Whistleblower-Gesetz, das Menschen besser schützt, die ungesetzliche oder ethisch zweifelhafte Praktiken ans Licht bringen. Denn nur wenn Missstände bekannt werden, kann eine Gesellschaft sie abstellen. Aber bisher haben die Parteien das leider nicht zustande bringen wollen.

Aufgezeichnet von Wolf Wiedmann-Schmidt

Margrit Herbst, 73, hat vor 20 Jahren als Tierärztin BSE-Verdachtsfälle im Fernsehen öffentlich gemacht und wurde danach entlassen. Im Jahr 2000 wurde der erste Fall von Rinderwahn in Deutschland amtlich bestätigt. Im Jahr 2001 wurde Herbst daraufhin der Whistleblower- Preis verliehen, zu dessen Stiftern Transparency International zählt.