Geheimhaltung tötet

92 Millionen Geheimpapiere sind allein 2011 in den USA angefallen – das ist zu viel.

Geheimhaltung tötet!  Es ist wichtig, dass man diesen Zusammenhang begreift. Vor den Terroranschlägen vom 11. September 2001 war die übermäßige Geheimhaltung innerhalb der Regierung dafür verantwortlich, dass niemand den Attentätern vorab auf die Schliche kam. Die einzelnen Abteilungen, die Agenturen CIA und FBI etwa, hielten wesentliche Informationen über die Terroristen, ihren Aufenthalt im Land und sogar ihre Flugübungen voreinander geheim. "Wir wussten nicht, was wir wussten", lautete die allgemeine Klage.

Man wusste aber sehr viel. Und jetzt behaupten die aktuellen Chefs der NSA und der anderen Geheimdienste doch allen Ernstes: Wenn bloß die NSA alle Metadaten über die damaligen Terroristen gesammelt hätte, hätte der 11. September 2001 verhindert werden können.
In Wahrheit sind unsere Zuständigen für die Nationale Sicherheit einfach nur gut darin, den verängstigten Amerikanern einzuimpfen: Nur wenn wir unter Geheimhaltung operieren, können wir Euch beschützen. Die Geheimhaltung geht so weit, dass diese Herren bisher nicht offen legen mussten, was sie denn nun wirklich wussten, taten und nicht taten, bevor der 11. September kam.

Nun gibt es eine Entschuldigung für das damalige Versagen der Geheimdienste, die man ernst nehmen muss: Viel zu viele Informationen strömten auf einmal auf die Agenten herein. Aus einem Feuerwehrschlauch könnte man nicht einfach so einen Schluck Wasser nehmen. Nur: Wenn das stimmt, warum haben die Geheimdienste nach dem 11. September dann alles daran gesetzt, dass aus dem Feuerwehrschlauch ein ganzer Wasserfall wurde? Warum wurde dann mit der Operation "Sammelt alle Daten der ganzen Welt!" begonnen, die unsere Verfassung alle bisherigen Verhaltensnormen außer Acht lässt?  

Es ist nicht weiter überraschend, dass der NSA-Direktor Keith Alexander und andere vorgaben, dass ihr weltweiter Daten-Fischzug bereits 54 Terroranschläge verhindert habe. Später mussten sie das dann ein ein bis zwei zweifelhafte Beispiele reduzieren. Die NSA-Datensammlung hat nicht die Bombenanschläge auf den Boston Marathon verhindert, nicht die Autobombe am Times Square, nicht den Anschlag des "Unterhosen-Bombers".

Wir haben also offensichtlich keine gute Lösung für das Terrorproblem gefunden. Das ist typisch, wenn die Dinge im Geheimen besprochen werden, ohne breite Diskussion oder Beratung. Geheimhaltung reduziert die Rechenschaftspflicht. Die Zahl der als "geheim" eingestuften Regierungspapiere ist von sechs Millionen im Jahr 1996 auf 92 Millionen im Jahr 2011 angeschwollen. 

Was sind die Folgen? Wir führen einen weltweiten, vorbeugenden "Krieg gegen den Terror", brechen die Genfer Konventionen, lassen entführen, foltern und töten. Wir opfern die verfassungsmäßigen Rechte vieler US-Bürger und überwahren ihre Kommunikation ohne Durchsuchungsbefehl. 

Dabei gäbe es einen einfacheren, wirksameren Schutz gegen den Terror: Die Menschen in den Geheimdiensten und Behörden sollten die Berichte lesen, die sie bekommen – und sie sollten dazu verpflichtet werden, sie untereinander und mit der Öffentlichkeit zu teilen.

Aus dem Englischen von Thomas FischermannColeen Rowley (59) war bis 2004 Agentin des FBI. Gleich nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 begann sie eine wahre Kampagne gegen ihren Arbeitgeber: Beim FBI-Chef Robert Mueller beschwerte sie sich darüber, wie Informationen über mögliche Terroristen in Washingtoner Büros versickerten, und sie trat vor dem Senat und Untersuchungsausschüssen auf. Ihr Einsatz führte zu einem Umbau der Behörde. 2002 wurde sie von Times zur Person des Jahres gewählt, 2004 schied sie aus dem Agentendienst aus.