So etwas wird heutzutage im US-Fernsehen "Breaking News" genannt: Die Kamera hält auf eine geschlossene vergitterte, braune Haustür. Eine CNBC-Reporterin, ihr Kopf erscheint für eine Sekunde am unteren linken Rand im wackelnden Bild, fragt: "Sind Sie der Bitcoin-Gründer?" – "Tut mir leid, ich habe kein Interesse", nuschelt es hinter der Tür hervor.

Trotz fehlenden Nachrichtenwerts spielte der US-Finanzsender diese Filmsequenz rauf und runter. Dabei verkündete CNBC die Eilmeldung, der Sender habe den Schöpfer der digitalen Währung aufgespürt. Nun ist CNBC nicht gerade bekannt für den allerhöchsten journalistischen Standard, aber diese Aufnahmen als Beweise anzuführen, dürfte einigen Zuschauern schon wie eine Parodie vorgekommen sein.

Hintergrund der Geschichte war der jüngste Titel des US-Magazins Newsweek, der für sich beanspruchte, den Mann hinter der digitalen Währung – allgemein bekannt unter dem Name Satoshi Nakamoto – gefunden zu haben. Obwohl der von der Newsweek-Journalistin auserkorene Mann, der den Namen Dorian Satoshi Nakamoto trägt, das in ihrem Artikel nie selbst wörtlich zugibt. Die am Donnerstag veröffentlichte Geschichte zeigte Bilder eines 64-jährigen Amerikaners mit japanischen Wurzeln und seines Hauses samt Auto in der Einfahrt, und nannte dessen Heimatort.

Vorgehen der Medien sorgt für Empörung

Innerhalb kürzester Zeit wurde das Haus von einer Horde Reporter belagert, die den Mann auf einer Hetzjagd durch die Stadt verfolgten. Der gab schließlich auf und ließ sich von der Nachrichtenagentur AP interviewen. "Ich habe nichts zu tun mit Bitcoin", sagt er dort. Oder auch "Bitcom", wie er die Computerwährung – mit Absicht oder nicht – einige Male nannte.

Ob dieser Mann lügt, oder ob die Newsweek den womöglich größten und peinlichsten Fehler ihrer 81-jährigen Geschichte gemacht hat, weiß man nicht. Genauso wenig weiß man, wer Satoshi Nakamoto überhaupt ist – ob eine Person, eine Gruppe oder ein Synonym, wie bisher weitläufig angenommen. Für die digitale Währung ist es auch nicht wichtig. Das einzige, was diese Geschichte wirklich zeigt, ist der traurige Standard, der bei vielen US-Medien herrscht. Er sorgte landesweit für Empörung.

Newsweek steht hinter der Geschichte und seiner Reporterin. Doch es bleibt umstritten, ob die von der Journalistin angeführten Rechercheergebnisse  für ihre steile These ausreichen und warum ein Foto des Hauses veröffentlicht wurde. Das Magazin hat inzwischen dazu aufgerufen, die Persönlichkeitsrechte der involvierten Personen zu respektieren. Für den Mann, der sein Gesicht und seinen Namen mittlerweile auf allen Kanälen finden kann, kommt dieser Appell zu spät.

Die Bitcoin-Community ist empört

Vor allem die Bitcoin-Community ist empört. Sie zweifelte schon vor dem offiziellen Dementi des Gejagten daran, dass er tatsächlich der Urheber der digitalen Währung ist. Ihre Gründe haben sie munter im Internet diskutiert: Weil er nie seinen echten Namen verwenden würde, weil sein Englisch besser ist als das des aufgestöberten Mannes oder auch weil dieser zu Zeiten der Bitcoin-Entwicklung offenbar besessen von Modelleisenbahnen war. In einem Internetforum dementiert ein Satoshi Nakamoto, von dem viele meinen, dass er der wahre ist: "Ich bin nicht Dorian Nakamoto."

Bitcoin ist mit Absicht ein Projekt ohne Anführer. Es geht darum, nicht einer Person oder, wie bei anderen Währungen, einer Nation zu vertrauen, sondern nur dem Code. Man kann Bitcoin gut finden oder nicht, aber die digitale Währung ist da, falls man sie nutzen möchte. Hätte Bitcoin einen aktiven Anführer, würde dies große Unsicherheit für das System selbst und seine technische Zukunft bergen, sagt der auf Technologie spezialisierte US-Blogger Timothy Blee. "Als Bitcoins Gründer würde Satoshi Nakamoto die einzigartige Befähigung haben, die Spielregeln zu ändern, und die Bitcoin-Community dazu zu bringen, diese Änderungen zu akzeptieren."

Spendenaktion für den Gejagten

So zielt etwa die Kritik daran auf die Idee selbst und ihre Programmierung oder die Firmen und Unternehmer der Branche ab. Nicht aber etwa auf den Gründer, wie es etwa bei Wikileaks Julian Assange gelaufen ist. Bisher zumindest. Damit schützt sich die Quelle der digitalen Währung etwa auch vor eventuellen Klagen und Ermittlungen von Aufsichtsbehörden. "Es ist sehr einfach, verklagt zu werden, wenn die Menschen erst einmal wissen, wen sie verklagen können", sagte der Anwalt Jean-Jaques Cabou von der Kanzlei Perkins Coie, die auch auf die Vertretung von Bitcoin-Firmen spezialisiert hat, dem US-Magazin Wired.

Nicht zuletzt droht der echte Satoshi Nakamoto Ziel von kriminellen Angriffen zu werden. Denn der Urheber der digitalen Währung besitzt Schätzungen zufolge selbst Bitcoins im Wert von heute rund 400 Millionen Dollar. Laut Bitcoin Foundation sieht es nicht so aus, als hätte Satoshi seine Bitcoins bisher überhaupt nur angerührt. "Satoshi sitzt wahrscheinlich nicht am Strand in Tahiti neben einer Multi-Millionen-Villa", mahnte der Interessenverband. "Er ist wahrscheinlich nicht vorbereitet auf entschlossene, möglicherweise gewalttätige Diebe und Neugierige."

Unterdessen hat ein Bitcoin-Unternehmer eine Spendenaktion für den verfolgten Dorian Nakamoto ins Leben gerufen: "Ich habe keine Ahnung, ob diese Person Satoshi ist, auch wenn es immer unwahrscheinlicher scheint. Allerdings spielt es so oder so keine Rolle." Falls es tatsächlich der Bitcoin-Gründer sein sollte, sei das Geld ein kleines "Dankeschön". Ansonsten gilt es als Entschädigung für den "Schaden, den der verantwortungslose Journalismus angerichtet hat".