Freitagmittag in Kreuzberg. Noch 70 Stunden. Das WLAN funktioniert schon mal. Gilt hier als mit das Wichtigste. Wo jetzt noch Gabelstapler fahren und Techniker Kabel verlegen, soll am kommenden Montag Europas größte Digitalkonferenz beginnen. In Halle vier ziehen die Trockenbauer gerade zwei Gipswände mit Dämmwolle ein. "Keine Panik", sagt Andreas Gebhard, "wir sind im Zeitplan." Von der Amateurhaftigkeit der Gründerjahre, als ausgerechnet auf einer Technikkonferenz oft die Technik ausfiel, ist nichts mehr zu sehen. Die re:publica ist erwachsen geworden.

Drei Tage lang werden in der "Station", einem stillgelegten Postbahnhof am Gleisdreieck, 8.000 Menschen über den Einfluss der Digitalisierung auf Gegenwart und Zukunft diskutieren. Es sind Blogger und Forscher, Start-up-Unternehmer und Medienleute, Techies und Tüftler. Andreas Gebhard, 41, hat die re:publica 2007 gemeinsam mit drei Bekannten gegründet. Er sagt: "Wir machen eine Gesellschaftskonferenz." Eine, bei der fast alle Themen verhandelt werden können. Weil die Digitalisierung eben inzwischen sämtliche Lebensbereiche durchwirkt, und das in einer Radikalität, dass einem schwindlig werden kann. Bei der es lohnt, innezuhalten und draufzuschauen.

Dieses Jahr steht die Liebe im Fokus. Aus digitaler Perspektive, in allen ihren Facetten. Es soll eine empathische Gegenrede werden zum Hass, der im Netz grassiert und befeuert wird: die Schmähungen und Drohungen der Rechtspopulisten, die Vergiftung des Klimas durch Pegida, AfD und Breitbart. Wie begegnet man Hasskommentaren und Mordaufrufen? Wie hilft man anderen Betroffenen? Zum Auftakt spricht die Autorin Carolin Emcke, die im Herbst zu diesem Thema ihren Essay "Gegen den Hass" veröffentlichte. Wäre die diesjährige re:publica ein Emoticon, müsste es ein Herz mit ausgestreckten Armen sein.

Was sind das für Menschen, die gegen die Verrohung und den Rechtsruck ankuscheln wollen? Hippies mit Laptops?

Zu Besuch im Hauptquartier der Macher

Der Ort, an dem die Konferenz ein Jahr lang geplant wurde, befindet sich am unteren Ende der Schönhauser Allee. Im Vorderhaus war früher das "White Trash", jetzt werden dort Turnschuhe verkauft. Provozierend langsam ruckelt ein Fahrstuhl in den fünften Stock. Dort liegen, am Ende eines verwinkelten Ganges, zwei Zimmer. In den Wochen vor der Konferenz arbeiten hier 30 Menschen auf engem Raum. Aktenordner, leere Wasserflaschen, Plastikdinos auf Klapptischen. Im hinteren, kleineren Raum sitzt das Programmteam, acht Frauen, ein Mann. Andreas Gebhard nennt es den "war room". An Wandtafeln hängen Unmengen bunter Post-its mit den Namen der eingeplanten Redner: Kathrin Passig, Matt Mitchel, Holm Friebe, Garri Kasparow ... Um den Überblick zu behalten, hat jede Farbe eine Bedeutung. Blau steht für Bildungs- oder Gesundheitsthemen, Grün für solche mit Ozeanbezug, Pink für Prominenz, Kartoffelgelb für den Rest. So war es jedenfalls gedacht. Leider reichten bei manchen Farben die Post-its nicht, am Ende mischte das Team dann doch alles durcheinander.

Programmleiterin Alexandra Wolf sagt, entscheidend sei die Balance zwischen seriösen und abseitigen Themen, ernsten und unterhaltsamen. Hier "Die Macht der Sprachbilder: Politisches Framing und neurokognitive Kampagnenführung", dort "Mit den Trollen ums Lagerfeuer tanzen". Mittwoch ist ein Streitgespräch zwischen zwei Robotik-Expertinnen geplant: Die eine baut welche, um sie in den USA zum Spaß in Arenen gegeneinander antreten zu lassen. Die andere kämpft dafür, dass auch Blechbüchsen Grundrechte erhalten, dass Menschen keine Roboter quälen dürfen.

Weil das Programm auf 20 Bühnen gleichzeitig läuft, passiert es, dass ein brillanter Redner wie der britische Künstler James Bridle vor 15 Leuten spricht, weil nebenan der CEO von Netflix am Mikro steht. Und niemand will parallel zu Sascha Lobo auftreten, weil der sowieso alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.