Ich habe es mir leichter vorgestellt, diesen Text zu schreiben. Wie einschläfernd die Recherche würde, habe ich unterschätzt. Nicht, weil ich das Thema langweilig finde – im Gegenteil: Ich bin ein Fan. Aber schreiben Sie mal über Videos, die dazu gemacht sind, beim Entspannen und Einschlafen zu helfen. Nicht leicht, da wach zu bleiben.

Ich will das Phänomen ASMR ergründen. Die Abkürzung steht kurz für Autonomous Sensory Meridian Response. Unter diesem Stichwort finden sich auf YouTube mehr als zehn Millionen Videos, in denen Menschen vor der Kamera Dinge machen, die auf den ersten Blick seltsam aussehen.

Ein Beispiel: Emma sitzt in ihrer Gartenlaube in London und flüstert mir leise zu, dass ich mich entspannen soll. Der Raum ist in warmes, weiches Licht getaucht. Mit ruhiger Stimme erklärt sie mir, dass ich in den nächsten knapp 50 Minuten einen entspannenden Haarschnitt bekommen werde.

Die ASMR-Community ist eine der erfolgreichsten auf YouTube

Ich weiß nicht, was ein entspannender Haarschnitt sein soll. Ergibt das überhaupt Sinn? Keine Ahnung, ist mir aber auch egal, denn ich bin nicht zum Haareschneiden hier, sondern zum Entspannen. Nur eben nicht in Emmas Laube. Ich sitze Hunderte Kilometer weit weg in Berlin, an meinem Schreibtisch, sehe auf meinem Laptop dabei zu, wie Emma einer Kamera eine Kopfmassage gibt und finde das extrem beruhigend.

Damit bin ich nicht allein. Seit Jahren boomt die ASMR-Community, die inzwischen zu den erfolgreichsten auf YouTube zählt. Das haben auch Unternehmen längst gemerkt. Einige versuchen, ASMR in Werbekampagnen zu integrieren. IKEA hat beispielsweise in den USA einen Clip herausgebracht, in dem mit raschelnder Bettwäsche und Lichtschalterklicken für die Produkte geworben wird.

ASMR - Haarekämmen zum Stressabbau Auf YouTube gibt es mehr als eine Million Videos, in denen geflüstert, geschnitten, gekämmt und geblättert wird. Bei einigen Menschen lösen Geräusche ein angenehmes Kribbeln im Kopf aus – genannt ASMR.

Der Whisky-Hersteller Glenmorangie inszeniert seine Single Malts in ASMR-Videos. Und das US-amerikanische Modemagazin W führt seit ungefähr zwei Jahren Interviews mit Stars im Flüsterton. Wie viele Anhänger die Szene hat, ist schwer zu sagen, aber gemessen an der Zahl der Videoaufrufe und Abonnentinnen der Kanäle sind es Hunderttausende, vielleicht Millionen. Emma verdient inzwischen Geld damit.

Inhaltlich sind die Videos unterschiedlich. Es gibt Geräuschvideos, in denen jemand mit Folie knistert, Wasser tröpfeln lässt, mit den Fingern auf einer Dose trommelt, über Stoff streicht und vieles mehr. Manche produzieren aus Versehen ASMR-Videos. Ein Schminktutorial oder die Rezension eines Computerspiels kann ebenso zum ASMR-Hit werden.