Dann gibt es Rollenspielclips. YouTuber spielen vor der Kamera etwa einen Arzttermin oder einen Besuch im Wellnesshotel nach. Dabei flüstern sie oder sprechen mit sehr sanfter Stimme und bauen zusätzlich Geräusche mit ein. Dies sind die gängigsten Clips, es gibt aber auch noch zahlreiche andere Arten, darunter solche, die sich auf Mundgeräusche konzentrieren, oder erotisch angehauchte Videos. Empfindliche Mikrofone fangen selbst leiseste Geräusche ein: das Rascheln der Kleidung, Zungenschnalzen oder Atemzüge.

Die Klänge sind wichtig. Sie lösen zusammen mit den visuellen Reizen ein Gefühl aus, das in der Szene als Tingles bekannt ist: Ein wohliges, leicht kribbelndes Gefühl, das sich meist vom Hinterkopf über den Nacken zum Oberkörper hin ausbreitet. Die Intensität kann variieren: Manche empfinden den Effekt als sanft und entspannend, andere sprechen von braingasms – Orgasmen fürs Gehirn. Was passiert da genau?

"Eigentlich aussagelos"
Claus-Christian Carbon, Wahrnehmungspsychologe

Zugegeben: Der Begriff Autonomous Sensory Meridian Response (deutsch: autonome, sensorische Meridianantwort) verrät nicht viel. Ich rufe einen Experten an, der an dem Thema forscht: Claus-Christian Carbon ist Wahrnehmungspsychologe an der Universität Bamberg. Seine Erklärung ist ernüchternd: "Autonomous Sensory Meridian Response hört sich sehr wissenschaftlich an, ist aber eigentlich aussagelos." Das werde deutlich, wenn man die einzelnen Worte betrachtet: "Autonom ist fast alles, was wir sensorisch aufnehmen, überhaupt nicht spektakulär. Meridian bedeutet, dass die Empfindung besonders stark, geradezu überwältigend sein muss. Sensorisch bezieht sich auf unsere Sinne, die fast immer involviert sind, wenn wir etwas empfinden. Und einen Response gibt es auf jede Stimulation."

Der Begriff ist also eine recht unspezifische Hülle. Aber kann das, was ich und viele andere spüren, bloß Einbildung sein? Als ich das erste Mal vor ein paar Jahren auf ASMR stieß, habe ich mir eine Anleitung für eine Gesichtsmassage angesehen. Die Frau im Video reinigte sorgfältig ihre Haut, trug Öl auf und kaum hatte sie begonnen, ihre Stirn und Wangen durchzukneten, fiel ich in eine Art Trance. Binnen Sekunden war ich so entspannt, als bekäme ich gerade selbst eine Massage. Es war faszinierend. Dass die YouTuberin ein ASMR-Video online gestellt hatte, war weder ihr noch mir klar und trotzdem erzielte es diesen Effekt.

Dass auch andere solche Tingles schon erlebten, ehe sich die ASMR-Szene gründete, zeigt der Erfolg von Bob Ross. In den Achtziger- und Neunzigerjahren moderierte der inzwischen verstorbene Maler im US-Fernsehen die Sendung The Joy of Painting. Mit seiner ruhigen Sprechart und den sorgsam und geduldig ausgeführten Pinselstrichen gilt er heute als Urvater der Bewegung.

"Wenn ich sehe, wie jemand eine Massage bekommt, fühlt es sich so an, als bekäme ich selbst eine."
Emma, ASMR-YouTuberin

Manche sagen ASMR nach, dass es einen sexuellen Effekt hätte. Die Szene sieht das anders. In Umfragen (PeerJ: Barratt & Davis, 2015) widersprachen die meisten dieser Vermutung – auch Emma, wie sie mir im Interview erzählt: "Es mag sein, dass manche erregt werden durch die Videos", sagt sie. Das lasse sich nicht verhindern, denn jeder oder jede interpretiere daraus, was er oder sie will. "So ist es aber nicht gemeint, zumindest von mir und vielen anderen in der Community. Einige Menschen sind es vielleicht nicht gewöhnt, dass sich jemand so beruhigend, liebevoll und intim vor der Kamera gibt und können sich nicht vorstellen, dass dies keine sexuelle Bedeutung hat." Sie vermutet, dass viele durch die Werbung und das Fernsehen auf eine erotische Interpretation getrimmt seien.

Möglicherweise ist ASMR mit etwas vergleichbar, das sich Synästhesie nennt. Dabei lösen Reize eine ungewöhnliche sensorische Antwort aus. Manche Synästheten hören zum Beispiel Musik und sehen währenddessen Farben. Der akustische Reiz führt also zu einem visuellen Bild. Es gibt weitere Verknüpfungen, etwa von Tönen und Geschmack oder Berührungen und Formen. Und manche spüren Berührungen, die sie nur bei anderen sehen. Forscher sehen Parallelen zwischen dieser sogenannten Mirror-Touch-Synästhesie und ASMR. Emma sagt, sie sehe Farben vor ihrem inneren Auge, wenn sie Töne oder Musik hört. Außerdem zählt sie sich zu den Mirror-Touch-Synästheten: "Wenn ich sehe, wie jemand eine Massage bekommt, fühlt es sich so an, als bekäme ich selbst eine. Ich glaube, vielen geht es so, denn ASMR-Massage-Videos sind mit die erfolgreichsten auf YouTube."