"Unsere Arbeit ist makellos, die kann man nicht angreifen" – Seite 1

Graz ist zwar Österreichs zweitgrößte, aber eigentlich eine eher beschauliche Stadt. Doch einmal im Jahr geht es hier um große Themen. Auf dem Elevate-Festival, das sowohl für elektronische Musik als auch für politischen Diskurs steht, wird diskutiert über Informationsfreiheit, Demokratie, Aktivismus. Für die 14. Ausgabe, die unter dem Motto Risk/Courage läuft und an diesem Mittwoch startete, hat das Elevate einen Coup gelandet: Julian Assange, der Gründer von WikiLeaks, hat die Eröffnungsrede gehalten. Nicht persönlich, denn Assange sitzt seit 2012 in der ecuadorianischen Botschaft in London fest, sondern per Liveschaltung. Das macht er nicht oft. Doch das Elevate hat zu WikiLeaks gute Kontakte. Die britische Journalistin Sarah Harrison sprach schon im Herbst 2016 in Graz. Sie gilt als engste Vertraute Assanges.

Assange und sein Projekt WikiLeaks sind schon lange umstritten, seit Harrisons Auftritt hat sich noch einmal einiges getan. Das Verfahren wegen des Vorwurfs der minder schweren Vergewaltigung in Schweden gegen ihn wurde 2017 eingestellt. Die zuständige Oberstaatsanwältin betonte allerdings, dass dies nur passiere, weil es unmöglich sei, ihm die Vorwürfe rechtskräftig zuzustellen.

Dann gab es da noch die E-Mails: Im US-Wahlkampf veröffentlichte WikiLeaks Mails aus Kreisen der Demokraten, was Hillary Clintons Wahlkampf ins Chaos stürzte. Vor einigen Wochen berichtete das US-Medium The Intercept zudem über private Twitter-Nachrichten, in denen der Twitter-Account @wikileaks Sympathien für einen Wahlsieg der Republikaner zeigte. The Intercept geht davon aus, dass dieser Account persönlich von Assange gemanagt wurde.

Ich weiß, dass Assange offenbar ein sehr schwieriger Mann ist.
Magdalena, Festival-Besucherin

Das Elevate-Festival sah sich für die Einladung Assanges einiger Kritik ausgesetzt. "Julian Assange ist für uns jemand, der Courage gezeigt hat und alles riskiert hat", sagt Daniel Erlacher, der die Veranstaltung mitgegründet hat und organisiert. Man nehme die Kritik ernst, habe ihn aber ausdrücklich als Würdigung seines Gesamtwerks der letzten zehn Jahre eingeladen. "WikiLeaks hat viel geleistet: Edward Snowden geholfen, sich mit dem militärisch-industriellen Komplex angelegt. Das haben vielleicht einige über die letzten zwei Jahre vergessen."

Gegen 19 Uhr an diesem Mittwochabend füllt sich das Foyer des Grazer Orpheums langsam. Draußen sind es minus zehn Grad, die kalte Luft zieht aus allen Ecken in das Gebäude, das in den 1950er Jahren einmal ein Kino war. Viele junge Leute sind gekommen.

"Nein, wir sind nicht wegen Assange hier", sagt Lena. Die 26-Jährige und ihr Freund seien Grazer und gingen eigentlich jedes Jahr zum Elevate. "Assange ist schon eine interessante Persönlichkeit, aber so richtig bewusst über ihn nachgedacht haben wir eigentlich erst auf dem Weg hierher." So sehen es viele Gäste: Die preiswerten Eintrittskarten und viele Gratisveranstaltungen locken die Grazer an. Assange ist bekannt, doch die meisten haben nur eine vage Vorstellung, warum das Festival für seinen Auftritt kritisiert wurde. "Ich weiß, dass er offenbar ein sehr schwieriger Mann ist", sagt Magdalena, ebenfalls regelmäßiger Elevate-Gast. "Genau dafür ist das Festival ja da: schwierige, aber interessante Gäste."

Um 21.35 Uhr ist es dann so weit. Es wird ein kurzer PR-Film von WikiLeaks gezeigt. Darin zusammengeschnitten sind Szenen, in denen Persönlichkeiten, wie der ehemalige US-Vizepräsident Joe Biden oder der ehemalige Berater von George W. Bush, Karl Rove, Assange als Terroristen bezeichnen und ihm mit harschen Konsequenzen bis zur Tötung drohen. Dann erscheint auf dem riesigen Screen ein Mann mit weißen Haaren und Bart: Julian Assange, der berühmteste Botschaftsflüchtling der Welt.

Viele Kritikpunkte kommen nicht zur Sprache

Assange witzelt über die "charming statements" aus dem Video und beginnt seinen Vortrag. Er redet frei und mit einnehmender Stimme über das Thema des Festivals: Mut. Dabei ist er fast überraschend bescheiden. Es brauche eigentlich viel weniger Mut, das zu tun, was WikiLeaks mache, als es auf den ersten Blick scheine. Auch wenn er immer wieder Drohungen erhalte, er sei noch am Leben, außer ihm sei niemand für die Arbeit bei WikiLeaks festgenommen oder sonst irgendwie sanktioniert worden. Der Gegner versuche, Furcht zu streuen und so Kontrolle auszuüben. Man müsse diese Illusion durchschauen.

Assanges Rede dauert zehn Minuten. Das Publikum nimmt sie begeistert auf und spendet heftigen Applaus. Danach folgt eine Fragerunde. Die Fragen gingen im Vorfeld an einen Medienpartner und live im Saal können sie an eine Mailadresse gesendet werden. Sie sind also ausgesucht. Und eher freundlich: Wie ist der Status seines Verfahrens? Wie kann die Öffentlichkeit mit Litigation-PR, also mit Öffentlichkeitsarbeit während eines juristischen Prozesses, umgehen? Was geschieht als Nächstes? War es das alles wert? "Das kann man noch nicht sagen."

Ich bin ein Mensch und habe meine Fehler.
Julian Assange

Nach etwa einer halben Stunde spricht der Moderator die Kontroversen um Assange an. Ob er seinen Kritikern und zu den Vorwürfen der Misogynie und des Antisemitismus etwas zu sagen habe? "Das ist Nonsens", sagt Assange. Propaganda gegen WikiLeaks, der falsch informierte "Fake-Aktivisten" auf den Leim gingen. "Unsere Arbeit ist makellos, die kann man nicht angreifen. Das Einzige, was unsere Gegner tun können, ist unsere Reputation zu beschädigen." Assange ist sehr gut darin, kritische Fragen abprallen zu lassen. Bereut er manche Aktionen? "Ich bin ein Mensch und habe meine Fehler." Bereut er manche Tweets? "Wen kümmert das?"

Viele Kritikpunkte, die WikiLeaks in den vergangenen zwei Jahren in die Schlagzeilen gebracht haben, kommen nicht zur Sprache. Weder der Leak der E-Mails noch die Rolle von WikiLeaks im US-Wahlkampf. Assange spricht die USA ein paar Mal von sich aus an: Der völlig unerwartete Sieg Donald Trumps hätte Schockwellen durch die Strukturen des Systems gesendet. Diese Störung habe Aktivisten die Chance gegeben, die Aufmerksamkeit auf Kriege und die Arbeit der Nachrichtendienste zu lenken. Bisher habe nur die "far-left" Misstrauen in die Macht Amerikas gehabt, jetzt sei auch die "far-right" dazugekommen. Wie Assange das sagt, klingt das positiv.

Show vorbei, rasender Applaus

Am Ende setzt der Mann von WikiLeaks zu einem komplizierten Vortrag über künstliche Intelligenz an. Menschen sei es kaum noch möglich, all die Informationen zu verarbeiten. Unternehmen wie Google und Facebook würden sich als Vermittler anbieten, aber das sei gefährlich: Die menschliche Kultur sei auf dem Wege, zu verschwinden. "Ich habe leider keine positive Nachricht für euch, aber die negative ist wichtig!" Nach 45 Minuten ist die Show vorbei. Wieder wird Assange mit rasendem Applaus bedacht.

"Es ist ein bisschen schade, dass nicht zur Sprache kam, warum er eigentlich in der Botschaft sitzt", sagt Maria Motter. Die Grazer Journalistin arbeitet beim österreichischen Radiosender FM4 und begleitet das Elevate seit Jahren. Die Schuldfrage sei nicht geklärt, das Verfahren könne jederzeit wieder aufgenommen werden. Das dürfe man nicht ausblenden.

An vielen anderen gehen die Vorwürfe hingegen vorbei. "Man kann das überhaupt nicht überprüfen. Gut möglich, dass das alles Fake-News sind", sagt Thomas. Der 55-Jährige ist seit Jahren ein Fan von Assange, der Auftritt in Graz hat ihn schwer beeindruckt. Thomas kann Geschichten erzählen von Menschen, die während der ersten Gouverneurskampagne von Arnold Schwarzenegger mit Geldkoffern durch Graz gezogen seien, um schmutzige Wäsche aus der Vergangenheit des gebürtigen Österreichers aufzutreiben. Spätestens seitdem ist er misstrauisch. "WikiLeaks und Assange zeigen Zivilcourage", sagt Thomas. Man müsse nur auf die Überwachungsfantasien der Chinesen schauen. "Wenn es da keinen Gegenpol gibt, ist in 20 bis 30 Jahren niemand mehr frei." Die Menschen um ihn herum nicken.